Buch im Gespräch: Burkhard Müller-Ullrichs "Medienmärchen"

Gesinnungstäter im Journalismus, Karl Blessing Verlag, München 1996; 256 S., 36,80 DM von Heinrich Senfft

Zunächst denkt man: Jeder Journalist sollte dies Buch lesen und sich an die eigene Nase fassen, dabei aber am besten beide Hände nehmen, damit er keinen Stein aufheben und ihn selbstgerecht auf seine Kollegen werfen kann. Man wünschte auch jedem Leser oder Zuschauer endlich eine gründlich-subtile Abrechnung mit dem gegenwärtigen Journalismus, um in Zukunft mißtrauischer zu sein und aufzubegehren, wenn er mit Nachrichten und angeblich authentischen Bildern überschüttet wird. Aber diese Arbeit leistet Burkhard Müller-Ullrich nur zur Hälfte.

Dabei ist sein Ansatz für eine Analyse durchaus vielversprechend: "Der Humbug lauert überall, und Journalisten sind bekanntlich seine liebsten Opfer. Der Humbug möchte sich gedruckt, als Fernsehbild oder Rundfunkreportage ausbreiten, er braucht die Massenmedien wie der Vampir die Jungfrau." Dagegen hilft natürlich nur "recherchieren, recherchieren, recherchieren". Aber recherchieren ist mühsam und teuer, und da der Konkurrenzkampf täglich härter wird und das Publikum durch die einander übertrumpfenden Sensationen abgestumpft ist, greifen die Medien mehr und mehr zur Selbsthilfe, erfinden manch aufregende Nachricht oder produzieren das Ereignis, über das "exklusiv" berichtet werden soll, ganz einfach selber.

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Neue Untersuchungen zeigen, daß in allen Medien derzeit mehr falsch berichtet oder ganz einfach gelogen wird als vor zehn Jahren. Das ist Müller-Ullrichs eigentliches Thema. Er schimpft zunächst auf die Medienhysterie über das Waldsterben - das sei "ein Holzweg", der Wald sterbe gar nicht. Dann wendet er sich Tschernobyl zu, das er als "Medien-GAU" bezeichnet, weil in Wahrheit alles gar nicht so gefährlich gewesen sei. Vor allem bei diesen Kapiteln wird man mißtrauisch, wenn der Autor gar zu forsch, selbstsicher und besserwisserisch das Kind auf der anderen Seite aus der Wanne kippt. Im Tschernobyl-Kapitel zitiert er einen Kommentator der Süddeutschen Zeitung mit der Frage: "Wem soll man glauben?" Das fragt sich der Leser dieses Buches schließlich auch.

Gründlich geht er den "Ersatzteilkindern" nach und legt die Legende vom "Organraub" bloß; er untersucht die "falsche Märtyrerin" Taslima Nasrin, die Schriftstellerin aus Bangladesch, und ihre Freunde. Er macht sich über die Schar der Schriftsteller und Zeitungen lustig, die sich im Sommer 1995 für den in den USA zum Tode verurteilten Journalisten Mumia Abu-Jamal einsetzten: Der sei in Wahrheit nur ein "marginaler Cop-Killer", für den, wäre er Bäcker, sich niemand stark gemacht haben würde. Und er geht mit den Medien scharf ins Gericht, weil sie sich von Greenpeace wegen der Shell-Ölinsel im Atlantik hätten instrumentalisieren lassen.

Nicht selten sitzen die Medien auch Fälschungen auf, so im Falle der verkleideten fünfzehnjährigen Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, die, von einer Werbeagentur angeheuert, Ende 1990 vor Fernsehen und UN-Sicherheitsrat über angebliche irakische Grausamkeiten log und auf diese Weise das UN-Ultimatum an Saddam auf den Weg zu bringen half.

Man kann dem Autor nur zustimmen, wenn er fordert, der Journalismus müsse sich drastisch verbessern, denn sonst sei es um seine gesellschaftliche Funktion und sein Renommee geschehen. Aber er beschäftigt sich überhaupt nicht mit dem Problem, daß es mit dem Recherchieren allein nicht getan ist, sondern die Wahrheit auch verbreitet und nicht wegen politisch-ideologischer Selbstzensur unterdrückt werden darf. Nur einmal klingt es an: "Für sie (die Journalisten) ist Journalismus vor allem eine Sache der Gesinnung, und zwar der richtigen: So wissen sie zum Beispiel meist im voraus, was sie am Ende der Recherche schreiben oder zeigen werden." Schade, hier wurde eine Chance verspielt.

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