Als der Kaiser Franz Joseph von Österreich, November 1869, zur Einweihung des Sueskanals nach Ägypten fuhr, bestieg er auch die Cheopspyramide. Keuchend und schwitzend kletterte der Monarch nach oben, so daß er auf halber Höhe erwog, es nun gut sein zu lassen und lieber den Abstieg anzutreten. Da bemerkte der Führer, daß - der Legende nach - seit Friedrich Barbarossa kein Kaiser mehr die Spitze des Bauwerkes erklommen habe. Darauf Franz Joseph, nun entschlossen weitersteigend: "Was würde man in Europa dazu sagen, wenn ich bei beschwerlichen Dingen ermatte und umkehre?"

Sein sprichwörtliches Pflichtgefühl, von dem manche Anekdote im Volke umlief, war hier herausgefordert, dazu sein Wille, sich den Zeitgenossen als ungebrochener Herrscher zu präsentieren, der drei Jahre nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz noch immer im Vollbesitz seiner Kraft war, und galt es auch nur, ein altertümliches Monument zu besteigen. Und schließlich: War die Pyramide nicht ein sinnreiches Abbild jener wohlgeordneten Hierarchie, über deren Aufrechterhaltung er sein ganzes Regentenleben lang zu wachen entschlossen war? Stand er, der Kaiser von Österreich und Apostolische König von Ungarn, nicht selber ganz oben an der Spitze eines solchen ehrwürdigen Gebildes?

Daß es sich bei dem Bau eigentlich um ein Grabmal handelte, einzig und allein errichtet, um einem toten Pharao als Gehäuse zu dienen, störte die tiefere Bedeutung der Episode nicht, im Gegenteil.

Auch das österreichisch-ungarische Staatenbündel, das der Kaiser von seinen Ahnen ererbt hatte, war desolat, bröckelte vor sich hin und schien eher auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart oder gar auf die Zukunft zu verweisen.

Die Thronfolge der habsburgischen Dynastie hatte Franz Joseph freilich über die Maßen begünstigt. Er war am 18. August 1830 im Schloß zu Schönbrunn auf die Welt gekommen, als Sohn des Erzherzogs Franz Karl und dessen Gattin Sophie, einer energischen Wittelsbacherin.

Sein Onkel, Kaiser Ferdinand, besaß einen Wasserkopf und begnügte sich damit, die Welthändel gelegentlich mit Sprüchen zu kommentieren, bei denen man nicht recht wußte, ob sie einem Narren oder einem entfernten Verwandten Nestroys angehörten. So äußerte er sich über den Feldmarschall Radetzky nach dessen Siegen in Oberitalien: "Schaut's, jetzt war's halt doch gut, daß wir ihm noch einmal die Schulden 'zahlt haben!"

Ansonsten war mit dem kinderlosen Ferdinand kaum Staat zu machen, zuallerletzt nach der Niederschlagung der Revolution im Spätherbst 1848. Nach dem Ratschluß von Habsburgs Paladinen kam nun der erst achtzehnjährige Franz Joseph unter die Rudolfskrone, die allerdings so schwer ist, daß weder er noch ein anderer Mensch sie je zu tragen vermochte. Der junge Mann besaß noch ein Knabengesicht, mehr geeignet für Biedermeierminiaturen als für Imperatorenstandbilder: ein Manko, das der neue Kaiser gespürt haben muß, denn um so forscher versuchte er den Autokraten herauszukehren. Das "WIR" am Anfang seiner ersten Proklamation verbanden die sarkastischen Wiener mit den Initialen der drei Heerführer, die soeben die Revolution gebändigt hatten: Windischgraetz, Jellacic und Radetzky.