Hamburg - Wenn Leute gebraucht werden, die rechnen können, sind in der SPD die Hamburger gefragt. In den sechziger und siebziger Jahren waren Herbert Weichmann, Karl Schiller, Karl Klasen und Helmut Schmidt die Traumtöter, die dafür sorgten, "daß ausgesprochen wird, was ist". Diese Wehnersche Redewendung gehört heute zum politischen Zitatenschatz des Hamburger Bürgermeisters Henning Voscherau. Jetzt ist er an der Reihe, die Tradition der Väter fortzusetzen. Vorgedrängt hat er sich nicht, aber die Partei ist bedürftig.

Seit Beginn des Jahres ist Voscherau Koordinator der SPD in der Finanz- und Steuerpolitik und einer der beiden Vorsitzenden im gemeinsamen Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat. Fachleute loben ihn einmütig als "brillanten Verhandlungsführer", der das empfindliche Verhältnis zwischen SPD-Ministerpräsidenten und SPD-Bundestagsfraktion auszubalancieren versteht; der beim Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern trotz seiner Detailkenntnis die Übersicht behält und bei der Definition der Inhalte sozialdemokratischer Steuer- und Finanzpolitik nicht einflußlos ist; der schließlich auch noch darstellerisches Talent hat, um aus der staubtrockenen Materie in breit gestreuten Interviewsalven soviel Funken zu schlagen, daß am Ende "rotes" Profil sichtbar wird.

Über kaum einen Sozialdemokraten wird in diesen Tagen, in denen in Bonn der Endspurt im Tauziehen um das Jahressteuergesetz begonnen hat, respektvoller gesprochen als über den Hamburger Bürgermeister. Dabei schwingt Überraschung mit, denn er ist ein Typ, den es in dieser Ausprägung in der tonangebenden Enkelgeneration nicht gibt.

Auftritt Henning: Der Abkömmling aus einer Hamburger Schauspielerfamilie hat den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Inszenierung so sehr verinnerlicht, daß er schon deswegen stets als perfekte Augenweide erscheint: eine zierliche Figur, von Dauerlauf und Hockeyspiel austrainiert - "Klipper Erste Herren", meldet der Bürgermeister stolz, "Bundesliga, norddeutscher Meister, Hamburger Meister" - das Haar silbrig weiß, die Augen hell, das Gesicht trotz seiner 55 Jahre jugendlich. Spartanisch ist sein Lebensstil, sein Privatleben bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Alles in allem ist er die idealtypische Verkörperung des Hanseatentums: nüchtern, kühl, nie über die Stränge schlagend. Er liebt das Understatement, aber es ärgert ihn, wenn es falsch verstanden wird.

Obwohl er sein Leben lang Politik gemacht hat, besteht er eigensinnig darauf, von Beruf Notar zu sein. Feine Hamburger verstehen das sofort. In der Hansestadt haben die Juristen von altersher ein natürliches Recht zum Mitregieren, ähnlich wie die Handelskammer. Im übrigen wird auf Unabhängigkeit gepocht. Als er l988 ins Amt des Ersten Bürgermeisters gewählt wurde, nannte er sich hochgemut "eine Leihgabe der Notare an die Demokratie, und zwar eine befristete". Zum Beweis dafür, daß er es damit auch nach acht Amtsjahren noch ernst meint, überreicht er seine Visitenkarte mit der neuen Kanzleiadresse in der Hamburger Innenstadt. Das Büro ist fertig, alles gerichtet. "Anders könnte er nicht existieren", sagt Thomas Mirow, Chef der Senatskanzlei und ehemaliger Referent von Willy Brandt, der dem Bürgermeister ein anspruchsvoller Ratgeber ist.

Aber Hand aufs Herz: Wäre die Notariatsarbeit für Voscherau inzwischen nicht ziemlich langweilig? Der Bürgermeister kann soviel Unverständnis kaum fassen. "Das Notariat ist nicht dröge", sagt er vorwurfsvoll, "es geht um Familien, es geht um Krankheiten, um Ehen und Scheidungen, um Geschäftsgründungen und Pleiten, einfach um Schicksale von Menschen." Was könnte spannender sein?