Benjamin Henrichs über die Krisen am Berliner Ensemble und an der Schaubühne
Kleine Künste, große Krisen
1. LOB DER KRISE
Theater (o wunderbare Fügung!) ist immer gut. Gelingt die Kunst, ist es gut. Mißlingt die Kunst, ist es auch gut. Denn dann haben wir die Theaterkrise. Und die ist fast immer ein noch besseres Theater als das gute Theater.
Die Theatermacher fürchten die Theaterkrise - sie kann Absturz bedeuten, Arbeitslosigkeit, Depression. Aber die Theatermenschen brauchen die Krise auch: Erst wenn sie das Tal der Todesnot durchschritten haben, sind sie wieder frei und stark für die nächste Euphorie.
Aber nicht nur das Theater selber, auch die Öffentlichkeit braucht die Theaterkrise. Theater ist naturgemäß oft anstrengend, kompliziert, sagen wir ruhig: langweilig. Eine Theaterkrise hingegen, wie mickrig auch immer, ist zwangsläufig fesselnd. In der Theaterkrise verläßt das Theater die eher stillen Regionen zwischen Trauerspiel und Kammerspiel, betritt das Abenteuerland von Farce, Königsdrama, Seifenoper.
Nun werden endlich auch die Kunstverächter, die Theaterschläfer wach. Buntmagazine, die vom Theater sonst nur berichten, wenn Nacktphotos vorliegen, schicken ihre Starreporter los. Chefredakteure, die das Theater sonst meiden oder es wie eine Strafarbeit absitzen, sind plötzlich elektrisiert. "Fakten!" rufen sie erregt in die Runde, oder auch: "Aufmacher!" In der Theaterkrise wittern sie, was ihnen das Theater fast immer (aus Hochmut oder Prüderie) verweigert: Schicksale, Affären, Intrigen - und zwar zentnerweise.
Theater im Spätherbst und Frühwinter 1996: Viel war wirklich noch nicht los, eine Krise würde uns jetzt guttun. Aber wo eine finden?
- Datum 13.12.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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