In Benjamin Libets Zimmer am Medical Center der University of California in San Francisco türmen sich die Bücher- und Papierstapel. Man fürchtet fast, der schmächtige ältere Herr werde eines Tages von diesem geballten Wissen erschlagen. "Seit ich emeritiert bin", entschuldigt sich Libet, "habe ich nur noch dieses kleine Büro." Seinen wachen, unkonventionellen Geist freilich hat der achtzigjährige Pionier der Hirnforschung nicht verloren. Und sein Urteil über die moderne Bewußtseinsforschung fällt wenig schmeichelhaft aus: "Wissen Sie, die meisten Theorien über das Bewußtsein sind ein wenig wie Religion - redliche Spekulationen, jedoch weder beweisnoch widerlegbar", spottet der Neurophysiologe und fügt ironisch hinzu: "Ich habe nichts gegen Religion, aber das ist nicht die Art, wie Wissenschaft funktioniert."

Benjamin Libet darf dies sagen. Schließlich kann er auf eine Reihe einzigartiger Experimente zurückblicken. Als einer der ersten Wissenschaftler griff er direkt in das Gehirn lebender Patienten ein, um herauszufinden, wie bewußte Wahrnehmung funktioniert. Die dabei gewonnenen Befunde waren freilich so paradox, daß sie die Hirn- und Bewußtseinsforscher bis heute beschäftigen: Libet zeigte, daß uns nur die wenigsten Wahrnehmungen tatsächlich bewußt werden - und wenn, dann auch noch mit Verspätung.

Der englische Physiker Roger Penrose meinte dazu, Libets Ergebnisse würden beweisen, daß der Mensch keinen freien Willen habe. Der Neurologe John Eccles und der Philosoph Karl Popper dagegen sahen ihre dualistische These bestärkt, daß der Geist nicht allein aus biologischen Gehirnvorgängen entstünde. Andere kritisierten Libets Befunde als irrational, und die Bewußtseinsphilosophin Patricia Churchland versuchte, seine Interpretation zu widerlegen.

Die Befunde selbst jedoch ließen sich nicht mehr wegdiskutieren. Vergleichbare Experimente vermißt Libet denn auch bei der derzeitigen Diskussion um Geist und Bewußtsein. Wortführer wie etwa Daniel Dennett würden ihre Philosophien entwickeln, ohne ein Gespür für experimentelles Design zu haben. Und junge Forscher beschäftigten sich vor allem mit molekularer Neurobiologie. "Natürlich sind Experimente zur bewußten Wahrnehmung schwierig", sagt Libet. "Man muß die richtigen Patienten finden, einen kooperativen Neurochirurgen und dann noch eine Frage stellen, die sich experimentell beantworten läßt."

Als Libet in den späten fünfziger Jahren mit seinen Experimenten begann, galt es überdies nicht als ,gute Wissenschaft', überhaupt so etwas wie Bewußtsein zu erforschen. "Wir hatten Schwierigkeiten, Fördermittel zu bekommen, und die Gutachter vom National Institute of Health meinten, wir sollten lieber das Funktionieren einzelner Nervenzellen studieren - absoluter Unsinn", amüsiert sich Libet heute.

Er interessierte sich mehr dafür, welche Art von Hirnprozessen nötig sei, um überhaupt eine bewußte Wahrnehmung hervorzurufen. Seinen wichtigsten Partner fand Libet in dem Neurochirurgen Bertram Feinstein, der in San Francisco Hirnoperationen unter lokaler Betäubung durchführte. "Feinstein öffnete also den Schädel, die Patienten lagen wach vor uns, und wir durften dreißig Minuten mit ihnen im Operationssaal experimentieren - eine ziemlich stressige Prozedur", erinnert sich Libet. Das etwas gruselig klingende, gleichwohl schmerzfreie Verfahren (dem die Patienten natürlich zuvor zugestimmt haben mußten) eröffnete jedoch eine einmalige Möglichkeit: Libet konnte so das frei liegende Hirn elektrisch reizen und gleichzeitig die Patienten fragen, was sie fühlten.