Lübeck - Der Mann soll erledigt werden. Das ist beschlossene Sache. Das Gerichtsurteil ist längst gefällt, der Angeklagte wird bestraft, weil er es gewagt hat, die Traditionen und Sitten des Landes nicht zu ehren.

Lion Feuchtwanger erzählt diese Geschichte in seinem Roman "Erfolg". Darin geht es um die seelische und körperliche Auslöschung des freidenkenden Museumsdirektors Martin Krüger im München der frühen zwanziger Jahre. Er ist unschuldig, im Gefängnis geht er langsam vor die Hunde. Feuchtwanger erzählt von niederträchtigen Bauernschädeln auf bayerischen Ministersesseln, von der gärenden braunen Brühe, die sich alsbald Richtung Feldherrnhalle ergießen wird und von dem magenkranken, jüdischen, linken Rechtsanwalt Siegbert Geyer, der einen einsamen Kampf führt: für seinen Mandanten und gegen diesen Unrat von Staat.

In jenem Siegbert Geyer und in dessen Kampf für den unschuldigen Mandanten findet sich Gabriele Heinecke wieder, die linke Rechtsanwältin aus Hamburg, die im Lübecker Brandstifter-Prozeß die Verteidigung von Safwan Eid übernahm. Seit dem Frühjahr vertritt sie den jungen Libanesen: Er wird beschuldigt, im Januar dieses Jahres das Feuer im Asylbewerberheim an der Lübecker Hafenstraße gelegt zu haben. Zehn Menschen starben und 38 wurden verletzt. Schon früh, kurz nach Übernahme des Mandats, empfahl die Anwältin die Lektüre des Feuchtwanger-Romans, auf daß man besser verstehe, was sie bewegt.

Malade und isoliert wie der Anwalt Geyer wirkte sie aber nicht, als sie kürzlich im Hamburger Pädagogischen Institut auftrat. Im Gegenteil: "BRD - Auf den Hund gekommen" hieß die Veranstaltung, zu der einige linke Gruppen aufgerufen hatten, und an Solidaritätsbekundungen ist bei solchen Anlässen kein Mangel. Strahlend empfängt sie, den stumm lächelnden Mandanten im Schlepptau, Grüße und Umarmungen von "Unterstützern". Zweihundert Zuhörer sind versammelt, Studenten, ein paar Autonome, auch ältere Menschen, Vertreter afrikanischer Organisationen. Gabriele Heinecke ist derzeit ein Star der linken, "antifaschistischen" Szene des Landes, in ihrem Büro bekommen "Unterstützer" Informationen zum Prozeß. Gabriele Heinecke hat eine internationale Untersuchungskommission aus renommierten Rechtsanwälten ins Leben gerufen und Journalisten mit einem Katalog polizeilicher Fehlleistungen ausgerüstet. Vor dem Pult mit dem roten Tischtuch, an dem sie Platz nimmt, prangt ein Transparent mit der Losung: "Wir fordern Aufklärung!"

Gabriele Heinecke berichtet zunächst von ihrem Ärger bei der Zeitungslektüre. Vor kurzem las sie in der Süddeutschen Zeitung, einem bislang von ihr geschätzten Blatt, daß sich das Lübecker Verfahren für linke Verschwörungstheorien nicht eigne. "Ich frage ja nur ganz nüchtern", sagt sie erregt, "warum ermittelt der Staatsanwalt nicht gegen die vier vermutlich rechtsradikalen Jugendlichen aus Mecklenburg?" Sie meint die vier jungen Männer, die nach dem Brand inhaftiert und dann wieder freigelassen worden waren, obwohl drei von ihnen deutliche Brandspuren im Gesicht aufwiesen. Über sie läge weitaus mehr Belastendes vor als gegen Eid, wettert die Anwältin. Wie kann der Staatsanwalt die abstrusen Erklärungen der Männer für die frischen Brandspuren glauben? Warum werden sie dem Tankwart, der sie zur vermeintlichen Brandausbruchszeit gesehen haben will, kein einziges Mal gegenübergestellt? Rhetorisch wiegelt sie ab. "Nein, natürlich ist das keine Verschwörung." Aber, fragt sie dann, wie kommt es, daß Beweisstücke erst gesichert würden und dann verschwänden?

Gabriele Heinecke hat diese Fragen schon sehr oft gestellt. Vor laufenden Fernsehkameras und auf Veranstaltungen wie dieser, zu denen sie durch die Republik reist. Sie hat dafür einige Resonanz in den Medien geerntet, aber vor der Jugendkammer des Lübecker Landgerichts hat sie in den bisher drei Prozeßmonaten noch keine Antwort bekommen.