Computersimulation: Ein Hoechstmitarbeiter baut ganze Fabriken nach. Und macht damit die Produktionsabläufe durchschaubar
Der Schichtarbeiter Matthias Pütz baut sich seine Fabriken im Computer selber. Sein Arbeitgeber, der Frankfurter Weltkonzern Hoechst, war darüber erst gar nicht erfreut. Nun beeilt er sich, ihm alle abzukaufen
Drei Jahre lang verbrachte der ungelernte Schichtarbeiter Matthias Pütz jede freie Minute an seinem Commodore Amiga 500, einem billigen Heimcomputer. Am Ende hatte er seine ganze Fabrik nachgebaut: Werk D 743, eine Anlage des Chemiekonzerns Hoechst in Frankfurt. Sechs Etagen vollgestopft mit Kesseln, Zentrifugen und Rohrleitungen. Im Datenspeicher ruhte ihr Ebenbild: eine riesige Simulation, verteilt auf 350 Disketten.
Als er fertig war, schaltete er das Programm ein. Die Ingredienzen flossen durch ihre Leitungen, die Rührwerke drehten sich geruhsam, unten kam ordnungsgemäß Ramipril heraus, ein blutdrucksenkendes Mittel, und Pütz sah, daß es sehr gut war.
Den Kollegen war er anfangs wunderlich vorgekommen, dieser junge Kerl von kaum zwanzig Jahren, der unentwegt mit einem Notizblock herumstrolchte, das Rohrgewirr abzeichnete und sinnend vor den Maschinen stand. Heute sehen sie, worauf er ausgewesen war. Seine Simulation läuft auf einem Rechner bei ihnen im Werk: halb Lernprogramm, halb Spiel und obendrein ein Lexikon der Arbeit.
Jedes Ventil ist getreulich nachgebaut und jede Verschlußklappe. Schaubilder und Animationen erläutern das Innenleben der Maschinen. Die Arbeiter können das Werk jederzeit in Gang setzen, wenn sie etwas nachschlagen wollen. Das ist nicht nur praktisch. Hier sehen sie erstmals genau, was sie überhaupt tun.
Den Konzern hat das erst gar nicht erfreut. Von Sicherheitsbedenken war die Rede. Schließlich hatten die Arbeiter "noch nie Einblick in den Zusammenhang des Systems gehabt", sagt Victor Mathias Reinartz von der Abteilung für Produktionssicherheit, die schnell ins Spiel kam. "Und plötzlich können sie alles beurteilen. Wenn sie wollten, sogar die Anlage nachbauen." Lauter heikle Fragen. "Das ging bis nach ganz oben zum Vorstand."
So mancher wird wohl auch als unpassend empfunden haben, daß da ein Arbeiter daherkommt und einem vorführt, wie sich die Produktion durchschaubar machen läßt. "Eindeutig ja", sagt Reinartz. "Es gab Leute, die sagten: Wo kämen wir denn da hin!"
- Datum 13.12.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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