Bewußtseinsforschung (II): Die Zeit als Hirngespinst
Erst der Takt im Kopf bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Welche Rhythmen erzeugen das Bewußtsein?
Ein italienischer Postbeamter braucht doppelt so lange, um eine Briefmarke zu verkaufen, wie sein Kollege in Japan. Amerikanische Ostküstenbewohner reden und handeln schneller als ihre Landsleute im Westen. Lauter Vorurteile? Nein, nur wissenschaftliche Erkenntnisse.
Nach einer Gastdozentur an einer südamerikanischen Universität wollten Robert Levine und Kathy Bartlett, Psychologen von der California State University in Fresno, die "Lebensgeschwindigkeit in verschiedenen Kulturräumen" vergleichen. Denn anders als nordamerikanische Studenten kamen die Kommilitonen jenseits des Äquators notorisch zu spät in ihre Vorlesung. Andererseits aber drängten sie auch nicht auf ein pünktliches Ende der Veranstaltung, während die Nordamerikaner schon Minuten vor Schluß ihre Sachen zusammenpackten.
Das Zeiterleben unterscheidet sich von Kultur zu Kultur, schlossen die Forscher aus ihren Ergebnissen. Aber auch von Stadt zu Stadt: Je größer die Metropole, desto hektischer eilen ihre Bewohner von Termin zu Termin. Mag die klassische physikalische Zeit auch seit Isaac Newton gleichförmig dahinfließen, Einstein scheint nicht nur in der modernen Physik recht zu behalten: Zeit ist hier gedehnt, dort gestaucht, und andernorts gehen oft auch die Uhren anders.
Wirklich? In dem kleinen bayerischen Ort Andechs hat die Verhaltensforscherin Margret Schleidt schon vor fünf Jahren Kulturvergleiche angestellt. Anders als ihre amerikanischen Kollegen stieß sie dabei eher auf Gemeinsamkeiten denn auf Gegensätze. Schleidt sichtete das Filmarchiv des dortigen Max-Planck-Instituts für Humanethologie und registrierte nach kurzer Zeit einen sich wiederholenden, immergleichen Rhythmus. Kurze Bewegungen wie etwa ein Winken oder Streicheln, das zornige Aufstampfen mit dem Fuß oder ein freundliches Händeschütteln dauerten immer etwa drei Sekunden, bevor die Bewegungsabfolge leicht variiert wurde. Das Erstaunliche daran: Das Leben im Dreisekundentakt scheint universell verbreitet zu sein, bei den Yanomami-Indianern am Orinoko oder dem San-Volk in der Kalahariwüste, bei den Trobriandern auf den melanesischen Inseln ebenso wie im bayerischen Bierzelt.
"Inseln der Gegenwart" nennt Ernst Pöppel, Direktor am Forschungszentrum Jülich, dieses Taktphänomen. Wann er den drei Sekunden erstmals auf die Spur kam, daran kann sich der Hirnforscher nicht mehr so genau erinnern. Um so genauer aber kann er das Phänomen beschreiben. "Wenn man eine Zeitlang dem Schlagen eines Metronoms zuhört, ordnen sich die gleichmäßigen Schläge im Kopf fast automatisch zu Gruppen. Beim Versuch, die Gruppen immer länger werden zu lassen, beginnt dieser Takt irgendwann zu verschwimmen, etwa dann, wenn zwischen den Schlägen mehr als drei Sekunden verstreichen."
Den Takt im Kopf hat Pöppel fast überall entdeckt: im Versmaß von Gedichten wie in einer Bachschen Fuge, im japanischen Nô-Theater wie in Balladen der Beatles. Hier ein Experiment zur Nachahmung: Bei der Silbenfolge Ba-Ku-Ba-Ku-Ba-Ku . . . pendelt der Zuhörer im Geiste unausgesetzt zwischen den Großen Antillen und dem Kaspischen Meer, reist von Kuba nach Baku und zurück, auch das im Dreisekundentakt.
- Datum 13.12.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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