Kommet, ihr Männer!

Meine Oma nannte ihre Waschmaschine Minna. Das Verhältnis der beiden war fast familiär: Wusch Minna porentief rein, konnte es passieren, daß Oma sie gefühlvoll tätschelte. "Meine Minna" - mit mehr Wärme hätte sie von ihrer besten Freundin nicht sprechen können. Streikte die Maschine allerdings und mußte Oma einen Monteur vom Kundendienst rufen, dann litt die Intimität zwischen beiden gewaltig. Ein Mann stand zwischen ihnen, der zu allem Überfluß meist plump und schmutzig war.

Ein Fremdkörper, den Oma auch noch bezahlen mußte. War er wieder weg, war alles wieder gut: Minna schenkte Oma strahlend weiße Wäsche und Oma der Minna ein liebevolles Lob. Eine für die andere.

Ein gegenseitiges Nehmen und Geben. Woche für Woche.

Heute heißen Waschmaschinen nicht mehr Minna und auch nicht mehr Waschmaschine. Sondern Waschvollautomat. Sie brauchen auch keinen Blaumann mehr in kritischen Situationen. Der moderne Waschvollautomat ist "wartungsfrei". Und "intelligent". Eine "Durchblick-Maschine", die mitdenkt.

Sagt jedenfalls der Katalog. Und trötet auf jeder Seite: Schenkt Intelligenz und Cleverness zum Christfest, schenkt Hausgeräte!

Daß Minna, Mixer und Toaster das Leben leichter machen, das hat schon meine Oma zugegeben. Schweren Herzens übrigens, denn: je unangenehmer die Hausarbeit, desto wertvoller die Hausfrau. Aber einen Mixer, der kraft eigener Intelligenz in Omas Leben geholfen hätte - den hätte sie nicht zugelassen. Einen "Handmixer mit Auto Power Control für ermüdungsfreieres Arbeiten", "Moment- und Turbostufe" oder "SoftSpeed Control-Antispritzfunktion" - irgendwie hätte sie das als Kompetenzanmaßung empfunden. Wann es spritzte, wollte Oma selbst entscheiden.

Es stellt sich die Frage, ob die Hausgeräteindustrie mit der Intelligenz ihrer Produkte wirbt, weil sich das Selbstverständnis der Frauen geändert hat: statt schwer schuftender Hausfrau jetzt marktgerechte Managerin. Wenn Fax und Phone ohn' Ende klingeln und der Laptop abstürzt, muß wenigstens der Mixer auto-powern und selbständig rühren. Dann freut sich die Frau, always busy, busy. Da gibt sie auch mal Verantwortung ab. So könnte es sein.

Möglich ist aber auch, daß die Hersteller einfach nur den Mann ködern wollen, den modernen. Den Noch- oder Schon-wieder-Single oder den Mann-in-Beziehung, dessen arbeitsteilig denkende Partnerin klare Vorstellungen hat: "Es ist an dir, die historische Schuld der Männer an uns Frauen abzutragen. Damit kannst du gleich in der Küche anfangen!" Watsch! Die Ohrfeige sitzt, und die Werbetexter jubeln. Jetzt müssen sie Mann schmackhaft machen, was Frau ihm versaut hat. Ihn so zum Mister Mixer küren, daß er es auch noch klasse findet.

Und das geht nur mit den richtigen Worten - und ein paar Geschlechtsumwandlungen auf dem Hausgerätesektor. Aus die mach der! Aus die Brotmaschine der Brotschneider, aus die Bügelmaschine der Klappbügler, aus die Kaffeemaschine der Kaffeeautomat und so weiter, und so weiter - und schon wird aus der Küche ein Männerstammtisch, wo Mann sich gerne einfindet. Ein Treff für einen Kerl unter Kerlen.

Genialer Werbetrick. Schon qietscht der Löffel, schnellt der Teig zurück, springt das "Waffeleisen mit Backampel" auf Rot um Funken sprühen, Hitze wallt, und ein Männerfinger nähert sich dem "Langschlitz-Toaster mit Aufknuspertaste": Autorennen und erotische Abenteuer. Technik sowieso. Hereinspaziert ins Wunderland "Haushalt"! Dort wo Mann alles findet, auf das er angeblich so scharf ist. Welch verruchtes Fleckchen heimlicher Lust!

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 52/1996
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