Ich bin der letzte BerlinerSeite 3/4

Ich wurde hier geboren, mein Großvater war der nationale Dichter, ich ging auf eine zionistische Schule, ich kämpfte im Untergrund, ich kämpfte gegen die Briten, gegen die Araber, ich habe illegale Flüchtlinge nach Palästina gebracht, und am Ende bin ich ein Jude.

Die ganze Erziehung war umsonst. Das ist das Ergebnis von diesem dummen und neurotischen Bedürfnis, zu etwas gehören zu wollen, das dich niemals akzeptieren wird", sagt Yoram Kaniuk im Café "Diza". Er bestellt Sauerbraten und klagt darüber, daß es in Israel keine richtige Erbsensuppe gibt. "Ich fühle mich mehr wie ein deutscher Jude als wie ein Israeli. Dabei bin ich weder in Deutschland geboren, noch spreche ich die Sprache. Aber wenn ich nach Berlin komme, habe ich das Gefühl, das ist meine Heimat."

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Berlin hat Yoram Kaniuk als Kind durch seinen Vater kennengelernt, der die Lieder von Heine sang, Stücke von Schumann und Brahms spielte und sich mit seinen Freunden, die er ebenfalls zur Emigration nach Palästina überredet hatte, dem Schmerz um die verlorene Heimat hingab. Berlin wurde zum Mythos. "Als ich zwei Wochen nach dem Fall der Mauer nach Ostberlin gehen konnte, kannte ich den Weg von Unter den Linden zum Ägyptischen Museum, obwohl ich niemals dort gewesen war. Die Geographie war mir absolut vertraut. Und mein Berlin war immer das vereinigte und niemals das geteilte Berlin."

Yoram Kaniuks Beziehung zu Deutschland kommt einer Haßliebe gleich.

Er fühlt sich von den Deutschen unverstanden und ungeliebt und beklagt sich, daß seine Bücher nicht im "Literarischen Quartett" besprochen werden. Er ist besessen von dem Wunsch, in Deutschland nicht nur als israelischer Schriftsteller, sondern auch als Teil deutscher Kultur Anerkennung zu finden. Und immer wieder hat er versucht, zu provozieren.

Zu den unvergeßlichen Auftritten gehört die öffentliche Diskussion kurz nach dem Golfkrieg zwischen einem damals hochemotionalen Yoram Kaniuk und einem durch und durch rationalen Günter Grass im Haus der Literatur in Berlin, die einem Dialog zwischen Taubstummen glich und in dem Satz Yoram Kaniuks gipfelte: "Ich kann jeden Morgen zum Frühstück ein palästinensisches Baby bei lebendigem Leibe verspeisen, und ihr Deutschen habt nicht das Recht, mich zu kritisieren."

Yoram Kaniuks größter Wunsch ist bis heute unerfüllt geblieben: der Wunsch, einen deutschen Spiegel zu finden, wie er in Emil Habibi den palästinensischen gefunden hat. "Ich habe immer davon geträumt, einen deutschen Schriftsteller zu treffen, der mir sagt: Mein Vater war ein Nazi, und jetzt erzähle ich dir meine Geschichte, und du erzählst mir deine Geschichte, und wir versuchen gemeinsam, auf den Grund der Dinge zu gehen und zu verstehen, wie es geschehen konnte. Aber die deutschen Schriftsteller schreiben nicht über uns. Juden tauchen in der deutschen Literatur nicht auf."

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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