Javier Marías blickt zurück auf sein Jahr

Hello, Dolly

Für mich gibt es keinen Zweifel, welches Ereignis das bedeutendste des Jahres 1997 war, und ich befinde mich damit nicht allein: Das berühmte Klon-Schaf Dolly, meint der britische Nobelpreisträger Joseph Rotblat, verkörpert eine Bedrohung der Menschheit, die allenfalls vergleichbar ist mit der Erfindung der Atombombe. Nun bin ich weder Nobelpreisträger noch Wissenschaftler, noch Brite - wenn es auch, was das letztere anbetrifft, anders aussehen mag -, aber ich bin Schriftsteller und neige folglich dazu, mir Dinge vorzustellen. Und ich glaube, daß wir uns langsam von der Welt verabschieden können, die wir kennen. Sie wird nämlich mit der Zukunft, die uns bevorsteht, nichts mehr gemein haben, wenn man dereinst anfängt, Menschen zu klonen, was zu jeder früheren Zeit als schlimmstes vorstellbares Verbrechen, als Todsünde der Hybris gegolten hätte. Ich mache diese Prophezeiung, wohl wissend, daß unsere Welt der von vor fünfzig Jahren nur noch sehr wenig ähnelt, und es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, daß es mehr Ähnlichkeiten zwischen dem Leben im 5. und im 19. Jahrhundert gab als zwischen 1900 und unserer Zeit - und sei es auch nur, weil in jener ganzen langen Geschichte das Gefühl für Entfernungen fast gleich blieb und man nur über das Meer und übers Land reisen konnte, um sie zu durchmessen.

Wenn ich einfach so selbstverständlich gesagt habe, "wenn man dereinst anfängt, Menschen zu klonen", dann deshalb, weil ich sicher bin, daß das früher oder später gemacht wird, heimlich oder offen, illegal oder legal, von Regierungen oder von den mächtigsten Verbrechern, die ja ohnehin oft identisch sind. Aber das ist eine andere Geschichte. Wahr ist, daß ich zu viele Gründe sehe, daß es getan wird. Einige Gründe könnten "gut" sein oder jedenfalls mehr oder weniger vertretbar; andere wären "schlecht", aber auch sie ließen sich rechtfertigen. Und am Ende gibt es noch einen ganz neutralen Grund: Alles, was getan werden kann - und um so mehr, wenn es sich dabei um eine wissenschaftliche Entdeckung erster Güte handelt -, das wird eines Tages auch getan werden.

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Noch wirkt die Welt ein wenig entsetzt über diese Heldentat, von den Regierenden bis hin zu den eigentlichen Verantwortlichen, die für den Augenblick nur davon reden, Tiere zu klonen - das heißt, höhere Säugetiere wie das Schaf -, um die Arten und damit die Nahrungsmittelversorgung des Globus aufzubessern. Die bloße Idee, dasselbe mit Menschen zu tun, ist eiligst von allen zurückgewiesen worden, die um Rat gefragt wurden. Trotzdem: Ist es etwa nicht sehr wahrscheinlich, daß die Menschen bald darauf kommen werden, eine "Reserve" identischer Individuen würde auch einen unerschöpflichen Vorrat an Herzen, Nieren, Lebern, Augen, Knochenmark, Lungen und sonstigen Organen, die krank werden oder verlorengehen können, bedeuten? Wir wissen, daß es in aller Welt unzählige Patienten gibt, die darauf warten, etwas davon eingepflanzt zu bekommen. Wir haben doch diese schrecklichen Geschichten von brasilianischen Kindern gehört: entführt und umgebracht, damit man ihnen ihre gesunden Organe rauben und sie an reiche und weit entfernte Kranke verkaufen konnte. Würden Männer und Frauen sich diese Ängste und dieses Entsetzen nicht ersparen wollen, wenn es eines Tages möglich wäre, die "Ersatzteile" ohne Gewalt zu bekommen, nur auf der Grundlage einiger eigener Zellen? Und was sagen Sie zu den Eltern, die ein kleines Kind verlieren? Wären etwa nicht viele bereit, einen hypothetischen Klon ihres Sprößlings zu adoptieren, als Trost? Und all die kinderlosen Ehepaare, wären sie nicht glücklich mit einer Kopie oder sagen wir einem Abziehbild des fremden Kindes, das sie am liebsten hätten?

Aber lassen wir die mehr oder weniger "akzeptablen" Motive. Gibt es nicht Tausende von Einsamen oder Frustrierten, die nicht hochzufrieden wären in der Begleitung eines Klons, sagen wir, von Claudia Schiffer oder Brad Pitt oder wer immer ihnen am liebsten wäre? Wir sollten nicht vergessen, daß einer der beunruhigendsten Aspekte der Entdeckung von Ian Wilmut und seinem schottischen Forscherteam nicht etwa die Tatsache ist, daß man nun Kopien ohne die Einwilligung der geklonten Person herstellen kann - sondern daß man es sogar ohne ihr Wissen tun kann. Denn dafür reicht ja schon eine Zelle aus irgendeinem Teil der Haut, und die ist so einfach zu bekommen wie ein Haar.

Auch die Politiker könnten in dieser Entdeckung die perfekte Versicherung gegen Attentate sehen, und zwar für immer. Wenn die Mehrheit von ihnen sich doch schon immer Doubles gehalten hat - warum sollte sie auf ein perfektes, identisches Modell verzichten, auf das dann der Kugel- und Bombenhagel niederprasseln könnte? Warum nicht gleich mehrere davon? Ich kann mir gut vorstellen, wie Saddam Hussein, Pinochet oder Fidel Castro sich bedenkenlos klonen lassen, aber auch Jörg Haider, der ja - unverständlicherweise - mit sich sehr zufrieden zu sein scheint. Können Sie sich vorstellen, wie sich einige Elemente unserer Gesellschaften multiplizieren ließen? Stellen Sie sich vor, wen Sie am unausstehlichsten finden - und das vervielfacht. Genauso könnte es Staaten geben, die gerne ein unbesiegbares Heer aus gehorsamen Terminatoren und ergebenen Rambos hätten oder blutdürstige Gurkhas wie jene, die die verdienstvolle Mrs. Thatcher in ihrem Falklandkrieg einsetzte. Oder, etwas bescheidener gedacht, Millionäre mit einem Trupp von Leibwächtern ähnlichen Kalibers, eine Prätorianergarde aus Stallones und Schwarzeneggers. Und was sagen Sie mir zum Thema Mord? Wozu überhaupt noch Zeugen, wie sollten sie einen Schuldigen "erkennen" in einer Welt, die voller Wiederholungen ist, voller gleicher Gesichter und Körper? Selbst Fingerabdrücke würden doppelt oder vervielfacht existieren - wie einfach wäre es zu töten, noch viel einfacher als heute schon.

Ich könnte mir noch viel mehr vorstellen, aber ich will Sie zu den Feiertagen nicht allzusehr erschrecken und die Furchtlosen nicht auch noch auf Ideen bringen. Bleibt nur die Hoffnung, daß man zwar die Körper reproduzieren kann, nicht aber die Gedanken. Das ist die einzige rettende und erlösende Unbekannte: Denn wir können nicht wissen, was das Schaf denkt.

Javier Marías ist einer der erfolgreichsten spanischen Autoren der Gegenwart. Der heute 46jährige Schriftsteller veröffentlichte bereits mit neunzehn Jahren seinen ersten Roman. In Deutschland entdeckte ihn ein breiteres Publikum aber erst 1996 mit dem Roman "Mein Herz so weiß", der auf Grund enthusiastischer Kritiken zum Bestseller wurde. Anfang Dezember ehrte die Stadt Dortmund Marías mit dem Nelly-Sachs-Preis. Sein neues Buch ("Morgen in der Schlacht denk an mich") erscheint Anfang 1998 auf deutsch. Marías lebt in Madrid

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