In dieser Christnacht des Jahres 1975 sollte der Junge seinen ersten Toten sehen. Das hätte er vermeiden können. Komm doch heim, bat Mutter am Telephon. Zu Weihnachten gehören Kinder nach Hause. - Er war kein Kind mehr, und nach Hause, das meinte die kleine, unlängst endlich verlassene Stadt am Harz, hügelige Gassen, katzenkopfgepflastert und gesäumt von bescheidenen Häusern, in deren Fenstern aber heute Nacht ein Leuchten stehen würde. In ihrer Mitte auf dem Berg ragte unverrücklich Vaters Dom, und drinnen stand seit aller Zeit der Vater am Altar und verkündete dem fröstelnden Volk große Freude. Fürchtet euch nicht! hallte der Vater durchs romanische Schiff. Denn siehe, euch ist heute der Heiland geboren!

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Schafe. Der Junge, anstatt heimzufahren, blieb also im nassen Leipzig und meldete sich zur Nachtwache im Bezirkskrankenhaus. Übers Fest war dort Studentenhilfe hoch willkommen. Um halb zehn begann die Schicht. Zuvor hatte sich der Junge beim Thomanersingen festlich aufgeheizt. Station 5 enthielt zwei große Säle, einen für Männer, einen für Frauen, in denen jeweils über dreißig Menschen der Genesung oder ihrem Tod entgegensahen. Teils lagen sie seit kurzem hier, teils waren sie vor über einem Jahr zum Sterben abgegeben worden. Der Junge wusch alte Frauen und bettete sie zur Nacht, er salbte Wunden und vertupfte Franzbranntwein, er leerte Nachtgeschirr und freute sich seiner Demut.

Nach Mitternacht zog Ruhe ein. Auf den Fluren summte bleiches Licht. Aus den Sälen drangen Schnarchen und leises Stöhnen, überdudelt vom Radio der Nachtschwester. Der Stationsarzt machte die Runde.

Was lesen wir denn da, mein junger Freund?

"Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf.

Und?

Es ist ziemlich gut, sagte der Junge. Es geht um den Krebstod. Die Autorin verknüpft das mit der Frage nach dem Wesen des Menschen.