"Die letzte Karte"
Welche Ziele haben die Geiselnehmer von Lima? Interview mit dem peruanischen Bürgerrechtler César Rodriguez Rabanal
Bei der Geiselnahme in Lima zeigten am vorigen Wochenende sowohl Präsident Fujimori als auch die Guerilla der Túpac Amaru Verhandlungsbereitschaft.
Die Botschaftsbesetzung, argumentiert César Rodriguez Rabanal, Psychoanalytiker und Vorsitzender der Oppositionsbewegung Demokratisches Forum, sollte für Fujimori Lehre genug sein, endlich das Gespräch mit den Bürgerbewegungen zu suchen.
DIE ZEIT: Bisher hieß es, die Guerilla der Revolutionären Bewegung Túpac Amaru (MRTA) sei seit der Inhaftierung ihres Führers Victor Polay zerschlagen. War das ein Irrtum?
César Rodriguez Rabanal: Man darf den spektakulären Erfolg der Botschaftsbesetzung - der auch ein Presse-Erfolg ist - nicht mit Stärke verwechseln. Ich meine, daß es sich bei den Geiselnehmern um ein Selbstmordkommando handelt, die letzte Karte der MRTA.
Néstor Cerpa Cartolini, der Anführer der Geiselnehmer, ist der einzige MRTA-Führer, der noch nicht im Gefängnis saß. Sein Kommando besteht aus Siebzehn- bis Zwanzigjährigen, die alle mit einem Urwaldakzent aus dem Huállaga-Tal sprechen, der letzten Zuflucht der MRTA. Ihre Drohung, im Falle eines Sturms auf die Botschaft stünden weitere Kommandos zum Gegenschlag bereit, halte ich für sehr unglaubwürdig.
ZEIT: Wie groß ist der Rückhalt der MRTA im Volk?
Rodriguez Rabanal: Er war nie groß, und er ist es auch jetzt nicht.
Nach sechzehn Jahren Gewalt in Peru identifiziert sich kaum noch jemand mit den Zielen und vor allem den gewalttätigen Methoden der Terroristen.
ZEIT: Die MRTA hat sich seit jeher von der maoistischen Terrorgruppe Sendero Luminoso distanziert und ihr soziales Engagement betont.
Auch die Geiselnehmer fordern neben der Befreiung ihrer gefangenen Genossen ein sozial gerechteres Wirtschaftssystem. Pure Heuchelei?
Rodriguez Rabanal: Jein. Die MRTA ist eine gewalttätige politische Organisation, und sie hat, wie viele lateinamerikanische Guerillagruppen, auch Kontakte zu Kriminellen. Und natürlich hat für sie die Freilassung ihrer Leute erste Priorität. Aber man kann ihnen nicht absprechen, daß sie politische Ideale und Ziele haben - wenn auch ziemlich unrealistische.
ZEIT: Unter Präsident Fujimori wuchs die Wirtschaft, und die Inflation wurde gebändigt. Aber die Arbeitslosigkeit und die Armut der breiten Bevölkerung werden immer größer. Ist die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit nicht begründet?
Rodriguez Rabanal: Doch. Aber eine Aktion wie die Botschaftsbesetzung schadet diesem Ziel. Sie hat hierzulande eine Sympathisantendebatte entfacht, wie die Deutschen sie aus den siebziger Jahren nur zu gut kennen. Die Folge: Alle fortschrittlichen Kräfte des Landes werden jetzt in die MRTA-Ecke gedrückt. Um die Probleme Perus anzupacken, ist aber eine lange und geduldige Arbeit notwendig.
Es gibt keine Zauberformel.
ZEIT: Wer trägt die Schuld an der gegenwärtigen Situation des Landes?
Rodriguez Rabanal: Wir Peruaner geben gerne anderen - der Weltbank, Japan - die Schuld für das, was in unserem Land geschieht. Tatsache ist aber, daß wir unsere Reformhoffnungen immer wieder auf irgendwelche vermeintlichen Retter - Caudillos - gesetzt haben. Kein Wunder, daß wir stets zwischen der Vergötterung und der Dämonisierung unserer Führer schwanken: Fujimoris Vorgänger Alan Garcia war erst der Größte, inzwischen wird er für alle Übel Perus verantwortlich gemacht. Auch Fujimoris Popularität ist rapide gesunken. In dem Maße, wie die Hoffnungen der Peruaner auf Arbeit und bessere Lebensumstände enttäuscht wurden, reagieren sie auch empfindlicher auf seinen autoritären und rücksichtslosen Regierungsstil.
Wohlgemerkt: Fujimori hat schwache Institutionen vorgefunden, als er an die Macht kam. Aber er hat alles getan, um sie weiter zu schwächen - am liebsten regiert er allein mit seinen Vertrauten.
Auch in dieser Krise hat er zu keinem Augenblick die Opposition oder die Bürgerbewegungen bei den Beratungen hinzugezogen. Aber wenn jemand für all dies Verantwortung trägt, dann sind es die Peruaner selbst: Wir begreifen uns immer noch nicht als Subjekte unserer eigenen Geschichte.
ZEIT: Wie ist jetzt eine friedliche Lösung der Krise möglich?
Rodriguez Rabanal: Zunächst kann man froh sein, daß - entgegen Fujimoris Ankündigungen - nun doch verhandelt wird. Denn das heißt, daß die Verfechter einer militärischen Lösung sich nicht durchgesetzt haben. Das hätte ein Massaker gegeben. Vermutlich werden beide Seiten jetzt von ihren Maximalforderungen absehen.
ZEIT: Nach der Freilassung zwanzig weiterer Geiseln am Samstag veröffentlichten die Besetzer ein Communiqué, in dem nur noch von Haftverbesserungen für die MRTA-Gefangenen die Rede ist. Haben Sie die Forderung nach Entlassung damit fallengelassen?
Rodriguez Rabanal: Nein. Eine so wichtige Entscheidung wäre ganz anders angekündigt worden. Aber Cerpa kann nicht wirklich hoffen, daß er die Freilassung aller Gefangenen erreicht.
ZEIT: Kann Fujimori auf die Forderung nach Freilassung der Gefangenen überhaupt eingehen?
Rodriguez Rabanal: Nein. Es wäre eine Katastrophe für die Peruaner, wenn alle gewalttätigen MRTA-Häftlinge, die Menschen entführt und ermordet haben, morgen freikämen. Aber ein Dialog muß stattfinden.
ZEIT: Wie berechtigt ist denn die Kritik an den Haftbedingungen der MRTA-Guerillas?
Rodriguez Rabanal: Sie ist absolut berechtigt - das geben auch alle zu. Der Grund für die unmenschliche Behandlung der MRTA-Leute liegt darin, daß sie sich geweigert haben, mit Fujimori ein "Friedensabkommen" zu unterzeichnen - anders als Abimael Guzmán, der inhaftierte Sendero-Führer. Nachdem er das Abkommen unterschrieben hatte, wurden die Haftbedingungen der Sendero-Guerilleros erheblich erleichtert: Guzmán hat sogar eine Sitzung des Sendero-Zentralkomitees im Gefängnis abgehalten.
ZEIT: Gibt es in Lateinamerika Beispiele für eine erfolgreiche Integration von Guerillabewegungen?
Rodriguez Rabanal: In Guatemala und in El Salvador sitzen heute frühere Guerilleros neben ihren einstigen Folterern im Parlament.
Aber das ist das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen mit internationalen Vermittlern. In Peru ist es anders: Die MRTA und der Sendero haben den fortschrittlichen Kräften sehr geschadet. Es wird Jahre, vielleicht Generationen brauchen, um unser Land zu befrieden.
ZEIT: Wie soll dieser Reformprozeß aussehen, und wer soll daran beteiligt werden?
Rodriguez Rabanal: Die Regierung muß mit der Zivilgesellschaft über die strukturellen Wurzeln der Gewalt reden. Aber die Guerillas können dabei nicht gleichberechtigte Partner sein. Das hieße, ihre Bedeutung zu überschätzen.
ZEIT: Wird Fujimori sich darauf einlassen?
Rodriguez Rabanal: Bekanntlich hat er bisher geglaubt, er könne das Land allein mit seinen Beratern und Militärs regieren. Aber vielleicht bewirkt diese Krise bei ihm ein Umdenken. Das wäre der beste mögliche Ausgang.
Die Fragen stellte Constanze Stelzenmüller
- Datum 03.01.1997 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02/1997
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