Hamburg ist um eine Legende ärmer geworden. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten hatten bürgerliche Politiker und einige Historiker für die Zeit des Nationalsozialismus einen liberalen Sonderweg ausgemacht: Dank ihrer hanseatischen Tradition seien die Hamburger mehr Gegenspieler als Partner der Nazis gewesen. Alles sei hier humaner und weniger radikal als im übrigen Reich zugegangen. Bald konnte man hören und lesen, Hitler habe Deutschlands zweitgrößte Stadt gemieden, weil sie ihm entweder zu "rot" oder das politische Klima zu hanseatisch-kühl war.

Nichts davon stimmt, wie neuere Forschungen ergeben ("Hamburg in der NS-Zeit", Hrsg. Frank Bajohr und Joachim Szodrzynski, Ergebnisse-Verlag 1995). Deren Erkenntnissen hat jetzt Werner Johe, langjähriger Vizechef der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, die Krone aufgesetzt: Keine deutsche Stadt - ausgenommen Berlin und die NS-Hochburgen München und Nürnberg - hat Hitler so oft besucht wie Hamburg. Von 1925 bis 1939 hielt er sich mindestens dreiunddreißigmal hier auf, allein neunzehnmal vor 1933! Viele bislang unbekannte Dokumente aus den Archiven belegen das besondere Verhältnis zwischen dem Diktator und zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen der Stadt.

Mit einer Schamlosigkeit sondergleichen hat sich der Senat, geführt von einem Kaufmann, der erst nach dem 30. Januar 1933 in die Nazipartei eintrat, beim neuen Reichskanzler angebiedert. Hitler war noch kein Vierteljahr im Amt und hatte noch nicht einen Arbeitslosen von der Straße geholt, da verlieh ihm der Senat bereits die Ehrenbürgerwürde und gab dem Rathausplatz, der Bebelallee und der Volksschule Eilbektal seinen Namen.

Als sich Hitler im Spätsommer 1934 zu seinem ersten offiziellen Besuch ansagte, hatten die Nazigrößen im Rathaus Sorgen, der Beifall könne zu dünn ausfallen, zumal die Hafenstadt noch wirtschaftlich daniederlag. Deshalb beorderten sie alle Schulklassen zum Spalierstehen in die Straßen, durch die er fahren würde sogar "nichtarischen Schülern" wurde die Teilnahme gestattet! Die Bedenken erwiesen sich als überflüssig, denn von Straße zu Straße schwoll der Jubel der Bevölkerung mehr an. Selbst die Arbeiter bei Blohm + Voss ließen sich von Hitler begeistern.

Die Emotionen der Massen waren noch steigerungsfähig. Im März 1936 drängte sich das Volk schon viele Stunden vor der Ankunft Hitlers zuhauf. Selbst das ansonsten zurückhaltende bürgerliche Hamburger Fremdenblatt befand, Hamburg habe Hitler einen unvergeßlichen Empfang bereitet. Es war, so ein auswärtiger Beobachter, "stimmungsvoller" als in Berlin.

Noch tosender, "unbeschreiblicher" wurde der Jubel, als Hitler im Mai 1937 zum Stapellauf des ersten "Kraft durch Freude"-Kreuzschiffes Wilhelm Gustloff erschien. Diesmal ließ er sich als der "Schöpfer Groß-Hamburgs" feiern, hatte er doch den Unternehmern den lang gehegten Wunsch erfüllt, die bisher preußischen Vorstädte Altona, Wandsbek und Harburg einzugliedern. Die Werften profitierten von der jetzt beginnenden Aufrüstung, und das Volk genoß die Stapelläufe.

Außerdem hatte Hitler den Hamburgern versprochen, er wolle das "Tor zur Welt" mit gigantischen Bauten zu einem "Wahrzeichen des Dritten Reiches" erheben.