Es war wie das Anwerfen eines Kraftwerks. Der doppelte Boden des Rechenzentrums erzitterte, brummende Ventilatoren wühlten die Luft auf, Magnetplatten sangen das hohe C. Ich drückte eine Taste, die mit IPL bezeichnet war: Initial Program Load. Das Betriebssystem hob ab, Myriaden von Lämpchen tanzten flackernd auf der schwarzen Front der Maschine, die Konsolschreibmaschine hackte kryptischen Code.

Hastig türmte ich Lochkarten auf Gleitschienen, knatternd verschwanden sie im Innern eines blauen Blechkastens, wurden hinten in ein Ablagefach gespuckt, ich schob weitere Kartenbündel nach, rote, grüne, blaue: Job-Control, Programm, Daten. Als der Schnelldrucker mit vibrierendem Kreischen eine Programmliste und Fehlermeldungen auf endloses Zebrapapier zu hämmern begann, sackte ich erschöpft in einen Sessel. Eine Stunde Rechenzeit auf einer IBM/360, das war Computer total.

Am 7. April 1964 hatte IBM an 78 Orten auf der Welt gleichzeitig und von Sinfoniemusik begleitet das System /360 angekündigt, sechs verschiedene Modelle mit unterschiedlicher Leistung, von der /360-30 mit 64 Kilobyte Hauptspeicher und einem knappen Megahertz Takt bis zur /360-75 mit 512 Kilobyte und 5 Megahertz. Es war die Geburtsstunde des "Byte", das acht Bit zusammenfaßt: Prozessor und Speicher waren so strukturiert und eigneten sich gleichermaßen für Zeichenverarbeitung, Dezimalarithmetik mit variabler Stellenzahl, Binär- und Gleitkommarechnen. Der Adreßraum umfaßte die schier unvorstellbare Größe von 24 Megabyte - theoretisch vorderhand, denn der Maximalausbau des Magnetkernspeichers war 512 Kilobyte.

"Das Ereignis markiert das Ende der Pionierzeit der elektronischen Datenverarbeitung", schrieb ein ehemaliger Mitarbeiter von IBM Deutschland in einer Würdigung zum 25. Geburtstag der /360. Zuvor war jedes System eine Neuschöpfung gewesen, mit eigener Systemstruktur, Peripherie und Software. IBM allein hatte sechs unterschiedliche Produktfamilien gepflegt. Solcher Wildwuchs sollte nun ein Ende haben, denn bei jedem Systemwechsel mußten Anwendungen neu programmiert werden.

Mit der Architektur des Systems /360 diktierte die Firma IBM, die schon 65 Prozent des Marktes beherrschte, schließlich einen Industriestandard, dessen Weiterentwicklungen 80 bis 90 Prozent aller Hersteller folgten. Der Anspruch, alle nur denkbaren Aufgaben mit einer einzigen Rechnerarchitektur zu lösen, wurde durch das Logo ausgedrückt, einer Windrose, die magische Zahl 360 stand für die 360 Winkelgrade des vollen Kreises.

Der Begriff "Architektur" war neu im Rechnerbau. Darunter verstand man eine für alle Modelle gültige funktionelle Spezifikation, an die sich die Benutzer halten konnten, während "Design" und "Implementierung", also die konkrete technische Ausführung, sich der aktuellen Technologie anpassen konnten. Klare Trennung von logischer und physischer Struktur war das Ziel. Die Serie /360 war noch nicht aus integrierten Bausteinen aufgebaut, sondern aus hybriden Schaltungen: Transistoren, Dioden, Widerstände und Kondensatoren wurden auf Keramikplättchen geklebt und in Dickfilmtechnik verschaltet.