Der komplette Artikel: Streit um das Holocaust-Denkmal in Berlin: Mehrdeutigkeit muß sein

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Wenn die Überlebenden des Holocaust verstummen, können allein noch die Archive sprechen. Über das Gedächtnis und seine öffentlichen Zeichen aber gibt es einen bedrückenden, vielleicht notwendigen Streit. Die Initiatoren des Holocaust-Denkmals in Berlin, die sich ihres Urteilsvermögens angeblich sicher waren, haben eine Expertenkommission einberufen und im "Staatsratsgebäude" über die Aufgabe der Erinnerung herrschaftsfrei kommunizieren lassen. Die intellektuellen Fachkräfte durften in großzügiger Wirkungslosigkeit neu verhandeln, damit alte Vorstellungen entschieden zur Anwendung kommen. Es darf, das ist die Vorgabe für alle Kolloquien, keine neue Ausschreibung des Wettbewerbs geben, auch der Ort des Denkmals steht nicht zur Debatte.

Zum Glück läßt sich absehen, daß dieser Wunsch nicht erfüllt wird, auch wenn der "Förderkreis" für das Denkmal den ganzen Streit und den Widerstand der Kritiker als Niederlage empfindet, als planvolle Verzögerung im Gang des Andenkens. Aber das sind die falschen Maßstäbe. Die öffentliche Diskussion hatte sich erst am Schock der Anschauung entzündet, am Blick auf die Entwürfe. Erst der Streit hat ein Massiv kontroverser Argumente aufgetürmt, die ganze Tragweite des Vorhabens vor Augen geführt, vor allem den empfindlichsten Punkt, die politische Ästhetik. Um es so zu sagen, wie es ist: Die Initiatoren haben es mit ihrer Bewußtseinsbildung nicht sonderlich genau genommen, und an Beweisen dafür herrscht kein Mangel. Schon der Jurorensatz, das preisgekrönte, hundert mal hundert Meter große, sieben Meter dicke, auf dreigeschossige Höhe ansteigende Gedenkmonstrum vermittele "auf faszinierende Weise Beklommenheit", ist auf beklemmende Weise geständig: Eine winzige Formulierung offenbart das ganze kolossale Pathos, das nach nichts anderem zu trachten scheint, als seiner selbsterzeugten Ergriffenheit im Denkmal dauerhaft zu begegnen.

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Der Irrtum ist ein Irrtum gegenüber der Kunst. Die Initiatoren um Lea Rosh hatten sich eine monumentale Bilderwelt ausgemalt, mit Betroffenheitsformeln überschrieben und an die Künstler als Losung weitergereicht. Offensichtlich war kaum jemandem bewußt, daß das Berliner Denkmal nicht vom Holocaust handeln kann und daß die Sprache der Kunst nach dem Holocaust notwendig eine andere ist. Schon eine Ahnung von den ästhetischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, hätte von der fatalen Vorstellung abbringen können, ein Denkmal könne Entsetzen wahrhaft ausdrücken, Trauer stiften, die Erinnerung meistern oder gar allen Namenlosen ihren Namen zurückgeben - Namen, graviert in eine monströse Stahlplatte, die sich tonnenschwer dem Tag der Auferstehung entgegenstreckt. Und vorher dürfen Hunderttausende auf ihr herumtrampeln.

Die Einwände gegen dieses Monument waren erdrückend. Das Denkmal, so heißt es, inszeniere eine öffentliche Katharsis durch geborgten Schmerz. Nun geht es aber nicht darum, ob die Gegenwartskunst an der Darstellung des Undarstellbaren scheitert. Das wäre keine Niederlage der Kunst, sondern vielleicht sogar ein Dokument, das sie auszeichnet. Es geht allein um die Grenzen der plastischen Vorstellungskraft, und auch deshalb hat schon das erste der drei Berliner Kolloquien dafür gesorgt, daß die Initiatoren des Denkmals, ob sie wollen oder nicht, an eine Kette von Verneinungen gebunden werden. Man kann höchstens sagen, worauf ein Denkmal, wenn es denn je errichtet wird, verzichten muß und was es vielleicht nicht ermessen wird. Wer jetzt immer noch nach einem unzweideutigen Sinn verlangt, nach einer einzigartigen Rhetorik der Bewältigung, hat dem Entweder-Oder der Mediengesellschaft schon Tribut gezollt.

Vielleicht muß man sich nur drei Dinge klarmachen. Schon die bloße Entscheidung für ein Denkmal, und nicht nur seine Sprache, ist auf unheimliche Weise zweideutig. Jedes kollektive Gedächtnis, das sich im Denkmal eine Form gibt und so die Aufgabe der Erinnerung delegiert, verrät zugleich eine tiefe Sehnsucht nach dem erlösenden Vergessen, nach Entlastung von einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Ein zentrales Erinnerungszeichen, und darauf hat die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann hingewiesen, setzt sich dem Verdacht aus, es trete an die Stelle persönlicher Erinnerung. Oder noch drastischer: Ausgerechnet das öffentliche Gedächtnis kollaboriert mit dem öffentlichen Vergessen.

Zweideutig bleibt ein Denkmal auch gegenüber dem Zerstörungswerk der Zeit. Denn die Zeit, und schon der Gedanke ist hoffnungslos, arbeitet auf seiten der Täter, trotz der Erfahrung, daß die zwölf Jahre des Nationalsozialismus sich dehnen im Maß ihrer geschichtlichen Entfernung. Ein Denkmal müßte in einer inneren Reflexion die eigene Zeitlichkeit in sich aufnehmen, so wie die rostenden Stahlskulpturen des Bildhauers Richard Serra oder die stummen, aber unabweisbaren Installationen eines Christian Boltanski.

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  • Schlagworte DDR | Denkmal | Gedenkstätte | Gedächtnis | Holocaust | Kanzleramt
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