Washington - Aufregung herrscht in der Bundesrepublik über den offenen Brief an Helmut Kohl, der vergangene Woche als ganzseitige Zeitungsanzeige in der International Herald Tribune erschien. Darin empören sich knapp drei Dutzend amerikanische Prominente - allesamt keine Scientologen, wie sie betonen - über den Umgang mit der Sekte in Deutschland. Sie ziehen Parallelen zur Verfolgung der Juden. Kommentare gab es auch außerhalb der Bundesrepublik, sogar die Londoner Times hat sich mit dem abstrusen Vergleich zwischen der Bundesrepublik und Hitlerdeutschland beschäftigt. Auf der anderen Seite des Atlantiks hält sich die Erregung über den "Sekten-Krieg gegen Kanzler Kohl" (Bild) in Grenzen. Zunächst berichtete nur das Boulevardblatt USA Today, es ist sehr viel maßvoller als Bild, unter der Rubrik "Leute" über die Anzeige. Kommentarlos gab die Zeitung die besonders hanebüchenen Sätze wieder: "In den dreißiger Jahren waren es die Juden, heute sind es die Scientologen."

Die Unterzeichner sind ernstzunehmende Persönlichkeiten, darunter intellektuelle Schauspieler wie Dustin Hoffman, Schriftsteller wie Gore Vidal und Mario Puzo, große Regisseure wie Konstantin Costa-Gavras und Oliver Stone und der landesweit bekannte Fernsehmoderator Larry King. King hat allerdings auf eine auf seinen Anrufbeantworter gesprochene Frage gar nicht erst reagiert. Und der Regisseur Konstantin Costa-Gavras hat sich inzwischen sogar von der Erklärung distanziert. Der Vergleich zwischen der Judenverfolgung im "Dritten Reich" und der Behandlung von Scientology-Anhängern in der Bundesrepublik sei "tendenziös, dumm und inakzeptabel", zitiert ihn Le Monde.

Der offene Brief ist der Höhepunkt einer lang anhaltenden Kampagne gegen Deutschland. Seit dem vergangenen Sommer schaltet eine Organisation Germany Alert (Wachsam wegen Deutschland), finanziert von den Scientologen, regelmäßig freitags in der New York Times ganzseitige Anzeigen. Auch dort wurden - gewissermaßen unter dem Motto "Wehret den Anfängen" - deutsche Boykottaufrufe gegen den Film "Mission Impossible" mit dem Scientologen Tom Cruise in der Hauptrolle und die Absicht, Scientologen aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten, mit Nazigreueltaten gleichgesetzt. Die Anzeigen verpufften anscheinend ohne Effekt. Ein einziges Mal griff ein Kommentator in der Washington Post die Vorwürfe auf. Er forderte von den Deutschen ein striktes Einhalten der Grundrechte und die Achtung der Religionsfreiheit.

Mindestens zweimal wurde Nicholas Burns, der Sprecher des State Department, auf Pressekonferenzen nach den Anzeigen und nach Maßnahmen gegen Scientologen in der Bundesrepublik befragt. Er nannte die Vorwürfe in den Anzeigen "haltlos" und wies darauf hin, daß Bonn keine "drakonischen oder repressiven Maßnahmen gegen die Church of Scientology" beschlossen habe.

Auch die Reaktion auf den offenen Brief von der vergangenen Woche war insgesamt verhalten. Obwohl seriöse Publikationen wie die Washington Post, die Los Angeles Times und Newsweek über den offenen Brief berichteten, wählten auch sie das Stichwort celebrities, Prominente. Hunderttausende von Dollar für die Anzeigen in den Vereinigten Staaten waren gewissermaßen in den Sand gesetzt. Mit dem einen offenen Brief in Europa fanden die Scientologen auch in ihrem Heimatland Gehör. Aber konnten sie auch das Deutschlandbild in Amerika bösartig verzerren? Fünf Minuten lang berichtete am vergangenen Sonntag der Fernsehsender ABC in den Hauptnachrichten über das Thema "Religiöse Diskriminierung - Wieder einmal Deutschland?". Beide Seiten kamen zu Wort, Scientologen und Sektenbeauftragte. So, wie es das faire Strickmuster amerikanischer Nachrichten ist. Der Bericht ergriff nicht Partei, erklärte aber, daß Deutschland als Lehre aus dem Totalitarismus eine "andere Haltung" zu Sekten einnehme. Übrigens: Weder auf ABC noch sonstwo in amerikanischen Medien haben sich weitere der prominenten Briefunterzeichner näher erklärt. Nur ein leichtes Rauschen im Blätterwald also, nur eine ausgewogene Fernsehsendung - die Scientologen als Opfer deutscher Unmenschen, so recht kommt das in den Vereinigten Staaten nicht an.

Allerdings würden den meisten Amerikanern Verbotsforderungen gegen Scientologen nicht in den Sinn kommen. Die Religionsfreiheit ist praktisch grenzenlos, lediglich das Strafrecht schränkt sie ein. Tausende von Gruppen und Grüppchen können anbeten, wen oder was sie wollen. Solange sie dabei keine Verbrechen begehen, schert der Staat sich nicht um sie. So entstanden die Grundwerte des Landes: Viele gerade der frühen Einwanderer waren in der alten Heimat wegen ihres Glaubens verfolgt worden.