Der Kopfzerbrecher

Vor fünfzehn Jahren zerlegte Howard Gardner die Intelligenz in ihre Bestandteile. Heute schlägt er sich mit den Bruchstücken herum

Intelligenztests, so mokiert sich Howard Gardner, sagten lediglich eines aus: ob jemand dazu tauge, ein guter Bürokrat in einem Büro zu werden. Schon die Testsituation erfasse nur einen beschränkten Bereich menschlicher Intelligenz. Sich hinzusetzen mit Papier und Stift und eine von mehreren Möglichkeiten anzukreuzen - dieses Vorgehen sei typisch für die moderne westliche Welt. "Mit einem hohen Intelligenzquotienten sind Sie zwar höchstwahrscheinlich gut in der Schule - aber nur solange Sie in der Schule bleiben, können Sie sich auch für wirklich schlau halten." Den sogenannten Mensa-Club der Hochintelligenten hält Gardner jedenfalls "vor allem für eine Ansammlung lebensuntüchtiger Typen".

Der Mann, der so vom Leder zieht, ist ein Idol. Vor fünfzehn Jahren entwickelte der Harvard-Psychologe seine eigene Theorie der "multiplen Intelligenzen", um damit endlich jenen weitverbreiteten Glauben zu widerlegen, daß Intelligenz lediglich das sei, was sich mit den herkömmlichen IQ-Tests messen lasse. Vor allem die Schule, so lautet Gardners Credo, habe diesen Irrtum in der Vergangenheit weiterverbreitet und einseitig logische und sprachliche Intelligenz gefördert. Seither gilt der zurückhaltende Gardner, der mit sanfter, freundlicher Stimme spricht und seine starke Kurzsichtigkeit mit einer großen Brille korrigiert, vielen Erziehungswissenschaftlern als eine Art Säulenheiliger. Auf je-dem Pädagogensymposium, das Gardner besucht, wird er als Stargast präsentiert. Und wenn er am kommenden Wochenende zu einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll mit dem Thema "Schulen ans Netz - Unterricht am PC" anreist, dann sei "damit zu rechnen, daß er die Diskussion über mediales Lernen um einen weiteren wichtigen Schritt voranbringen wird", wie ihn sein Verlag Klett-Cotta vorab vollmundig anpreist.

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Dabei wird er ganz nebenbei wohl auch ein wenig Werbung in eigener Sache machen: Demnächst erscheint sein neues Buch auch auf deutsch: "Die Zukunft der Vorbilder". Nachdem Gardner in der Vergangenheit über Intelligenzforschung und Kognitionswissenschaft, über das Denken von Kindern und über kreative Persönlichkeiten schrieb, widmet er sich nun führenden Persönlichkeiten in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Religion. Anhand von elf Fallbeispielen, von Robert Oppenheimer über Papst Johannes XXIII. bis hin zu Margaret Thatcher, versucht er, jene spezifischen Merkmale aufzufinden, die jemanden auf einem Gebiet zum Vorbild befähigen.

In Bad Boll wird er allerdings - wie bereits auf anderen Pädagogentagungen - seinem Publikum auch ins Gewissen reden. Mittlerweile, so klagt der in Boston lebende Wissenschaftler, muß er sich nämlich gegen die Auswüchse seiner eigenen Theorie wehren. "Inzwischen gibt es Hunderte von Schulen, die behaupten, sie orientierten ihren Unterricht an meinem Konzept der ,multiplen Intelligenzen`, doch vieles hat damit nicht das geringste zu tun." In manchen Schulen bekam der Intelligenzforscher herumkrabbelnde Kinder präsentiert mit dem Hinweis, sie würden ihre "körperlich-kinästhetische Intelligenz" trainieren. In Australien schrieb man zu Gardners Entsetzen ganzen Volksgruppen unterschiedliche Intelligenzsorten zu. "Wenn man eine Idee in die Welt entläßt, weiß man nie, was daraus wird", stöhnt der 53jährige Psychologe.

Dabei sollte sein Entwurf ursprünglich selbst einen jahrzehntelangen Irrtum korrigieren. Seit der französische Mediziner Alfred Binet vor knapp hundert Jahren zum erstenmal Tests entwarf, um den menschlichen Intelligenzquotienten (IQ) zu messen, hat sich diese Größe in vielen Bereichen zum Maß aller Dinge entwickelt. In ihrem 1994 erschienenen Buch "The bell curve" ("Die Glockenkurve") bauten der Politologe Charles Murray und der inzwischen verstorbene Psychologe Richard Herrnstein auf der IQ-Messung gar ein ganzes Gesellschaftsbild auf. Der Intelligenzquotient, so meinten Murray und Herrnstein, entscheide in der Gesellschaft über Erfolg oder Nichterfolg, sei bei Weißen höher als bei Schwarzen, zum größten Teil angeboren und unveränderlich. Daher sei eine Teilung der Gesellschaft in eine herrschende IQ-Elite und eine IQ-schwache Unterklasse unvermeidlich.

Gegen diese rassistische Auslegung ihres Fachgebietes wehrten sich verständlicherweise viele Intelligenzforscher. Der Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman verfiel gar ins andere Extrem und propagierte als Reaktion auf den IQ nun den EQ, die "emotionale Intelligenz" - das gleichnamige Buch spekulierte in den USA erfolgreich auf eine linksliberale und schwarze Leserschaft. Inzwischen, so beobachtet Howard Gardner amüsiert, gibt es sogar schon eine "finanzielle Intelligenz" - wenn auch nur auf den Titelbildern von Börsenzeitungen.

An dieser Inflation der Intelligenz ist der Harvard-Forscher allerdings nicht ganz unschuldig. Sprach er in seiner ursprünglichen Theorie noch von sieben verschiedenen Intelligenzarten, so sieht er heute deren "achteinhalb". Zu seinen alten Kategorien - logisch-mathematisches und sprachliches Denken, musikalische, räumliche und körperlich-kinästhetische Fähigkeiten sowie Begabung für zwischenmenschliche Kontakte und Selbstverständnis - zählt er neuerdings auch eine "naturalistische" und eine halbe "spirituelle" oder "existentielle" Intelligenz.

Diese Intelligenzarten spielen in Gardners Theorie die Rolle eines Chemiebaukastens: "Ich versuche, ein Art irreduzibles Set von grundlegenden kognitiven Chemikalien zu finden, mit denen menschliches Verhalten erklärt werden kann." Hat jemand beispielsweise Sinn für Humor, so führt Gardner dies auf eine Kombination von logischer und zwischenmenschlicher Intelligenz zurück, Selbstironie dagegen setzt logisches Denken und Introspektion voraus. Erweist sich der Chemiebaukasten als ungenügend bestückt, so kann er durchaus erweitert werden: Als ihn der berühmte Biologe Ernst Mayr nach einem Vortrag fragte, wie er denn mit seinen sieben Mehrfachintelligenzen Charles Darwin erkläre, wurde Gardner klar, daß es noch eine weitere, naturalistische Intelligenz geben müsse.

Die Baukasten-Idee der "multiplen Intelligenzen" kam Gardner, als er in Harvard mit hirngeschädigten Patienten und Kindern arbeitete.

Dabei wurde er auf ganz unterschiedliche Fähigkeiten aufmerksam, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen. "Wenn ein Kind in einem Bereich besonders gut war, konnte ich nicht sagen, ob es auch in anderen Bereichen gut sein würde."

Die eher konservativen Vertreter der Intelligenzforschung glauben dagegen, daß es einen einzigen "Faktor g" gebe, der die "generelle Intelligenz" eines jeden beschreibe. Dies wird unter anderem darauf zurückgeführt, daß auch verschiedene Intelligenztests gleiche Ergebnisse liefern. Gemessen an "psychometrischen Gütekriterien", sind solche Tests wissenschaftlich einwandfrei. Auch bei wiederholter Messung kommen sie zu gleichen Ergebnissen. Dennoch ist Howard Gardner überzeugt: "Intelligenz läßt sich nicht wie der Ölstand eines Autos messen."

Schließlich könne man von dieser Eigenschaft nur im Wechselspiel zwischen einer Person und ihrer Umgebung reden: "Bobby Fischer wäre in einer schachfreien Gesellschaft ein Nichts." Und die Tatsache, daß herkömmliche IQ-Tests übereinstimmende Ergebnisse lieferten, führt der Psychologe eher auf die besondere Testsituation zurück.

"In Afrika oder in einer vorliterarischen Gesellschaft müssen solche Tests zwangsläufig versagen", sagt Gardner. Er definiert daher Intelligenz als "die Fähigkeit, ein Problem zu lösen oder ein Produkt zu ersinnen, das mindestens in einer Kultur oder Gemeinschaft geschätzt wird".

Zumindest in einem gibt ihm die neuere Forschung recht: Die Prognosetauglichkeit herkömmlicher IQ-Tests ist höchst begrenzt. Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Heiner Meuleman, der 3000 Personen in einer Langzeitstudie untersuchte, fand keinerlei Zusammenhang zwischen ihrem Intelligenzquotienten in der Jugend und einem späteren Erfolg im Beruf. Einziger Unterschied: Die Klügeren waren unzufriedener mit sich selbst.

Doch auch an Gardner, der für sein Buch "Abschied vom IQ" 1983 den National Psychology Award for Excellence in the Media erhielt, gibt es Kritik. Der amerikanische Intelligenzforscher Robert J.

Sternberg etwa monierte, Gardner greife auf windige Indikatoren zurück, wie die alltäglichen Aussprüche von Kindern, "die bei Lehrern freudiges Lächeln, bei Testtheoretikern aber den Ausdruck des Entsetzens hervorrufen". Und obwohl die Theorie der multiplen Intelligenzen vor über einer Dekade präsentiert wurde, habe Gardner seither keine diagnostischen Instrumente entwickelt, die testtheoretischen Anforderungen genügten.

Bezeichnenderweise ist das einzige neuere Gardner-Buch, von dem es keine deutsche Übersetzung gibt, der 1993 erschienene Nachfolgeband "Multiple Intelligences: The Theory in Practice". In einer Rezension für das Wissenschaftsmagazin Nature urteilte der englische Psychologe Peter E. Bryant darüber, Gardners Daten seien "in Wahrheit sehr vorläufig". Sie beruhten auf Untersuchungen an "nicht mehr als einer Handvoll Kindern, viel zuwenig für richtige Forschungsarbeit nach psychologischen Maßstäben".

Howard Gardner ist sich bewußt, daß sein Ansehen außerhalb der Psychologenzunft größer als innerhalb ist: "Ich entwickelte meine Ideen zwar als Psychologe, und ich denke, sie haben einige wissenschaftliche Basis - aber richtig aufgenommen wurden sie vor allem von den Leuten im Erziehungswesen. Daher schreibe ich nun in einer Art und Weise, von der ich hoffe, daß sie für Pädagogen nützlich ist."

Im übrigen gibt der Harvard-Forscher offen zu, daß seine Theorie nicht bewiesen ist. Aber das sei im Grunde "eine langweilige Kritik".

Denn "auch Darwins Evolutionstheorie läßt sich nicht im Labor testen,und Einsteins Relativitätstheorie wird heute noch immer wieder überprüft." Schließlich seien viele Theorien in den Sozialwissenschaften eher Synthesen.

Als Essenz seiner Theorie sieht Gardner freilich nicht die achteinhalb multiplen Intelligenzen an, sondern vielmehr die Kriterien, nach denen er seine Intelligenzarten auswählte. Dazu zählt er zum Beispiel Befunde aus der Evolutionsgeschichte "wie das Singvermögen der Vögel oder soziale Formen bei Primaten". Des weiteren überprüft er das Vorhandensein von Ausnahmemenschen wie Wunderkindern oder idiots savants, die nur über ganz bestimmte Fähigkeiten verfügen. Auch spezifische Hirnverletzungen geben dem Psychologen Hinweise darauf, ob sich im Hirn spezielle Zuständigkeitsbereiche für einzelne Intelligenzen ausmachen lassen.

So deutet etwa das Sprachzentrum auf eine sprachliche Intelligenz hin, eine nachweisbare anatomische Unterscheidung zwischen der Wahrnehmung natürlicher und künstlicher Objekte dagegen stützt die These der naturalistischen Intelligenz. Bei der existentiellen Intelligenz versagt dieses Kriterium freilich. Zwar ist Gardner überzeugt, daß der Mensch über eine spezifische Fähigkeit verfügt, die ihn vom Tier unterscheidet der Wunsch, Leben, Denken und Sterben zu verstehen. Doch bislang sei unklar, ob es tatsächlich so etwas wie Zentren im Kopf für existentielle Fragen gebe, daher zähle er diese Sorte von Intelligenz nur zur Hälfte.

Ganz offen gibt Gardner zu, daß seine Theorie selbst mit achteinhalb Intelligenzen unvollständig ist: "Eine Sache, die ich wohl nicht wirklich erklären kann, ist ein Maler. Wenn ich darüber rede, sage ich: Das ist räumliche Intelligenz. Aber es ist viel, viel mehr. Aber ich will keine Farbenintelligenz und Formintelligenz erfinden. Daher sage ich einfach: Ich habe keine gute Erklärung dafür, was ein Maler tut." Das stört den populären Forscher indes nicht weiter: "Ich bin sicher, daß, selbst wenn meine Theorie im großen und ganzen richtig ist, die Details falsch sind."

Nur eines sei mit Sicherheit noch falscher, meint Gardner: Die Ansicht, daß es nur eine einzige Art von Intelligenz gebe. "Ich denke, auf dem Radarschirm der Wahrheit taucht das noch nicht einmal auf."

 
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