Um mit dem Klischee vom Rollenbild einer Architektin zu beginnen: Grete Schütte-Lihotzky ist die Erfinderin der sogenannten "Frankfurter Küche", die bei Ernst May im Hochbauamt der Stadt am Main zwischen 1926 und 1930 in mehreren Varianten entwickelt und in einer Serie von über zehntausend Stück gebaut wurde. Die Architektin haßt bis heute das Kochen und hat darin, wie sie sagt, nur mäßige Fähigkeiten entwickelt. Ihr ging es im "Neuen Frankfurt" um eine Rationalisierung des Haushalts, um die Entlastung der berufstätigen Frau und, ganz im Sinne von Adolf Loos, um die Vermeidung unnützer Arbeit. Der Erfolg ihres Modells, das nach dem Zweiten Weltkrieg als "Amerikanische Küche" in unseren sozialen Wohnbau zurückgekehrt ist, war genaugenommen für die vielseitige Architektin ein Verhängnis, denn seit den dreißiger Jahren ist ihr Name an einen Küchenentwurf gebunden.

Obwohl in Fachkreisen seit rund zwei Jahrzehnten geehrt, gefeiert, an Universitäten und Architekturschulen herumgereicht, mit Doktorhüten geziert und zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen, ist sie im Sinne heutigen medialen Starkults nicht wirklich bekannt. Dazu ist ihre Botschaft zu spröde, ihr Werk zu programmatisch und zuwenig kulinarisch, ihr politisches Engagement zu unbequem. Wer ist nun diese Margarete Schütte-Lihotzky wirklich, die im fünften Wiener Gemeindebezirk in einer von ihr ausgebauten Dachwohnung lebt, umgeben und umsorgt von jungen Menschen, denen sie, schwer sehbehindert, ihre Erinnerungen diktiert?

Am 23. Januar 1897 in Wien geboren, besuchte die künstlerisch begabte Tochter aus gutbürgerlichem Haus die Wiener Kunstgewerbeschule, das Institut, das im nachsecessionistischen Wien mit Josef Hoffmann, Koloman Moser, Heinrich Tessenow, Oskar Strnad und Josef Frank die modernste Ausbildungsstätte der Monarchie war. Grete Lihotzky wollte unbedingt Architektin werden - für das Jahr 1915 ein provokantes Vorhaben, aber sie schaffte das erste Architekturdiplom als Frau.

Dazu kam ihr fast ausschließliches Interesse am Wohnbau, aber nicht an der kunstgewerblichen Vielfalt bürgerlichen Wohnens, sondern am (gewöhnlichen) "Wohnbau mit allem, was dazugehört: Kinderanstalten, Schulen, Ambulatorien, Bibliotheken, was man eben soziales Bauen nennt". Erste Gelegenheit gab ihr ein "Wettbewerb für eine Arbeiterwohnung" im zweiten Studienjahr, den sie prompt gewann und der mit dem Max-Mauthner-Preis ausgezeichnet wurde.

Entweder war ihr Lehrer Oskar Strnad - heute selbst ein großer Vergessener der Wiener Moderne - ein weitsichtiger Pädagoge, oder er wollte der "höheren Tochter" ihre Flausen austreiben jedenfalls riet er ihr, bevor sie überhaupt den Bleistift in die Hand nahm, sich anzusehen, wie die Arbeiter in Wien wirklich wohnten.

Zu dieser Zeit hatte das Wohnungselend in Wien einen Höhepunkt erreicht. Der Wohnbau, im Sinne des späteren sozialdemokratischen "Gemeindebaus", war eben erst das akademische Thema einer fortschrittlichen Schule, in der übrigens gerade Heinrich Tessenow an seinem Buch "Hausbau und dergleichen" schrieb.

Nach einer Büropraxis in Holland ging Grete Lihotzky 1921 als Architektin in die Siedlungsgenossenschaft der Kriegsblinden.