Sokals Jux hat den Status eines klassischen succés de scandale erreicht. Über zwanzig öffentliche Symposien sind zu diesem Thema abgehalten worden oder geplant. Der Skandal zeigt, wie ich meine, drei bedeutsame Dinge. Erstens, daß relativistische Auffassungen von Wahrheit und Beweiskraft in der zeitgenössischen accademia weithin Zustimmung finden. Zweitens, daß dieser Umstand verhängnisvolle Folgen für die Standards von Wissenschaftlichkeit und intellektueller Verantwortung hat. Und drittens, daß keine dieser Behauptungen einen besonderen politischen Standpunkt widerspiegeln muß, geschweige einen konservativen.

Um der Unerhörtheit von Sokals Essay gerecht zu werden, wenigstens einige Stichproben. Sokal beginnt mit der Aufstellung seiner postmodernen Glaubenslehren; er spottet über die Naturwissenschaftler, die sich auch weiterhin an das "Dogma" klammern, "das der intellektuellen Weltauffassung des Westens von der langen nach-aufklärerischen Hegemonie auferlegt wurde": nämlich daß eine Außenwelt existiert, deren Eigenschaften von Menschen unabhängig sind, und daß Menschen verläßliche Kenntnis von diesen Eigenschaften erlangen können. Er behauptet, daß dieses Dogma von der Relativitätstheorie und der Quantengravitation bereits völlig untergraben und nachgewiesen worden sei, daß die physikalische Realität "ein soziales und sprachliches Konstrukt" sei.

Sokal kommt dann erst richtig in Schwung. Neuere Entwicklungen im Bereich der Quantengravitation bestätigen nicht nur die postmoderne Leugnung objektiver Wahrheit, sie stellen auch eine Art von Physik in Aussicht, die wahrhaft "befreiend" wäre: den echten Dienst an fortschrittlichen politischen Anliegen. Hier wird Sokals "Argumentationsführung" wirklich waghalsig, weil er versucht, politische und kulturelle Schlußfolgerungen aus der Physik des unendlich Kleinen zu ziehen. Diese Schlußfolgerungen werden durch einen Fleckerlteppich von Wortspielen erpreßten Analogien und platten Behauptungen "plausibel" gemacht. Beispielsweise geht Sokal von Bohrs Beobachtung, daß in der Quantengravitation "die vollständige Erklärung ein und desselben Gegenstandes verschiedene Beobachtungsstandpunkte erfordern kann", unvermittelt zu folgender Behauptung über:

Wie kann eine weltliche Priesterschaft von ausgewiesenen Naturwissenschaftlern beanspruchen, ein Monopol auf die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis aufrechtzuerhalten? . . . Der Inhalt und die Methodologie postmoderner Naturwissenschaft bietet uns damit kräftige intellektuelle Unterstützung für das fortschrittliche politische Projekt, aufgefaßt im weitesten Sinne: nämlich dem der Überschreitung von Grenzen, des Niederreißens von Schranken, der radikalen Demokratisierung aller Aspekte des - sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen - Lebens.

Sokal schließt mit dem Ruf nach der Entwicklung einer emanzipierten Mathematik, die, nicht mehr auf der Grundlage der Standard-Mengenlehre beruhend, auch die progressiven und postmodernen Tendenzen der physikalischen Wissenschaft nicht mehr einengt.

Mancher Nonsens ist rein mathematischer oder naturwissenschaftlicher Art: daß die bekannte geometrische Konstante Pi eine Variable sei, daß die Theorie der komplexen Zahl, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und allen Schulkindern eingetrichtert wird, ein neuer und spekulativer Zweig der mathematischen Physik sei oder daß die New-Age-Spinnerphantasie vom "morphogenetischen" Feld eine Leittheorie der Quantengravitation darstelle. Andere haben mit den angeblich philosophischen oder politischen Einfärbungen der Grundlagenwissenschaft zu tun: daß die Quantenfeldtheorie Lacans psychoanalytische Spekulationen zum Wesen des neurotischen Subjekts bestätige, daß die fuzzy-Logik für linke politische Anliegen besser geeignet sei als die klassische et cetera.