Den Menschen im italienischen Caiazzo ist es ziemlich schwer gefallen zu akzeptieren, daß der Mörder ihrer Freunde und Verwandten in Deutschland bis heute frei herumlaufen darf. Daß ein deutsches Gericht den Mann 1993 überführte, der fünfzig Jahre zuvor in ihrem Dorf fünfzehn Frauen und Kinder auf bestialische Weise massakriert hatte, ihn aber nicht bestrafte. Daß vor zwei Jahren sogar der Bundesgerichtshof die Schuld des damaligen Wehrmachtsleutnants anerkannte, den Fall aber für verjährt hielt.

Ein wenig tröstete die Bewohner von Caiazzo der katholische Glaube.

Er half ihnen, hinzunehmen, daß es Gerechtigkeit wohl erst im Himmel gibt, auf Erden allenfalls den Rechtstaat. So hat man sich langsam an den Gedanken gewöhnt, daß der Kriegsverbrecher Wolfgang Lehnigk-Emden in seinem deutschen Heimatdorf Ochtendung ein geachteter Mann geworden und geblieben ist: als Architekt, als SPD-Gemeinderat, als Gründer der Arbeiterwohlfahrt, als Karnevalspräsident. Im vergangenen Jahr schließlich streckten die Bürger von Caiazzo die Hand zur Versöhnung aus und trugen den Bürgern von Ochtendung eine Ortspartnerschaft an. Vor kurzem ist wieder eine Delegation aus der Eifel nach Caiazzo zurückgekehrt.

Wie wird den Italienern nach alledem wohl zu erklären sein, was das ARD-Magazin "Panorama" am Donnerstag abend dem Fernsehpublikum präsentiert? Daß der deutsche Staat die Opfer von Caiazzo zwar nicht sühnen, sich dafür aber um ein anderes Opfer kümmern kann: Wolfgang Lehnigk-Emden. Der 73jährige Kriegsverbrecher erhält nämlich eine sogenannte Opferrente in Höhe von 708 Mark im Monat - zusätzlich zu seiner normalen Pension.

Was "Panorama" herausfand, ist kein Betrugsskandal. Schlimmer, es ist die Normalität. Lehnigk-Emden hat sich den Opferzuschlag nicht erschlichen, er steht ihm zu. Und damit auch anderen Kriegsverbrechern.

Genaugenommen werden sämtliche Kriegsverbrecher und alle Angehörigen der Waffen-SS, sofern sie - wie Lehnigk-Emden - mit einer Verletzung heimgekehrt sind, bis heute mit einer Sondergratifikation versorgt.

Sie sind Nutznießer einer Regelung aus den fünfziger Jahren, die auf groteske Weise die Kategorien von Tätern und Opfern vermischt und vom Gesetzgeber bisher nicht korrigiert wurde.