Aufstand der Massen

Anfang dieser Woche noch fragte alle Welt: Treibt der Balkan unaufhaltsam in die nächste Katastrophe? Steht eine Explosion bevor - in Serbien, Albanien, Bulgarien und anderswo zwischen Adria und Schwarzem Meer?

Am Sonntag und Montag noch ließ Slobodan Milosevic in Belgrad knüppeln. Die Furcht ging um, nun werde er bald auch auf die Demonstranten schießen lassen, die seit elf Wochen Tag für Tag gegen seine Willkürherrschaft protestierten. Aber am Dienstag lenkte er ein: Jetzt will er den Sieg der Opposition bei den Kommunalwahlen vom 17. November anerkennen, wie es die OSZE verlangt hatte. Zugleich hat das Zugeständnis baldiger Neuwahlen in Bulgarien einen Bürgerkrieg abgewendet.

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Viele hatten gebangt: Würde es doch noch zu einem Blutbad zu Füßen der einst von Prinz Eugen belagerten Festung Kalemegdan kommen - einem Tiananmen an der Donau? Würde die friedliche Erhebung der Zajedno wie die samtene Revolution in Prag enden? Oder war im Belgrader Drama der gleiche schrecklich-gerechte Ausgang zu erwarten wie vor sieben Jahren beim Aufstand gegen die Ceauçescus: mit dem erschossenen Diktatorenehepaar im Leichenschauhaus?

Peking, Prag, Bukarest - das Jahr 1989 hält ganz verschiedene Szenarien bereit überdies ja auch eine Spielart a la Ostberlin, wo der Verfall der kommunistischen Herrschaft ebenfalls mit einer Wahlfälschung begonnen hatte. Bis zuletzt war offen, welches Modell die Geschichte zum Zuge würde kommen lassen. Zunächst darf die Welt aufatmen. Aber Milosevic muß der Opposition noch weit mehr Entgegenkommen zeigen, wenn die Unruhe aufhören soll.

Nicht nur in Belgrad glimmt ja die Lunte. Im benachbarten Kroatien verhindert Franjo Tudjman seit einem Jahr, daß der rechtmäßig gewählte Kandidat für den Zagreber Bürgermeisterposten sein Amt antritt. Auch in Zagreb ist der Kommunismus zu Grabe getragen worden, doch die Autokratie geblieben: Vorherrschaft einer Partei, Behinderung oder Unterdrückung der Medien, Günstlingswirtschaft und Korruption. Sowenig wie Milosevic in Serbien hat Tudjman in Kroatien die Absicht, die Demokratie einzuführen.

Im Schatten der angrenzenden Autokratien aber wird sich die Demokratie auch in Bosnien nicht entfalten können. Der Frieden bleibt dort weiterhin gefährdet. Ohnehin könnte der bevorstehende Schiedsspruch über die Zugehörigkeit der Korridor-Stadt Brcko, einst muslimisch, jetzt serbisch besiedelt, die Flammen des ethnischen Hasses aufs neue entfachen und den Friedensrahmen von Dayton zum Bersten bringen.

Schon rückt überdies eine andere, bisher stille Front ins Blickfeld: der Kosovo, wo zwei Millionen Albaner neunzig Prozent der Einwohner ausmachen. Dort hat Milosevic jüngst die Schrauben angezogen.

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