Zu den Dingen, mit denen man sich in Deutschland schwerer tut als anderswo, gehören die Religion, das Verhältnis des Staates zur Religion und die Religionsfreiheit überhaupt. Natürlich gibt es eine Verfassung, und darin stehen alle hehren Freiheiten des bürgerlichen Rechtsstaates nicht zuletzt ist auch die Religionsfreiheit garantiert, deren Inhalt in dem Diktum von Karl Marx zusammengefaßt werden kann, daß "jeder seine religiöse wie leibliche Notdurft verrichten können muß, ohne daß die Polizei ihre Nase hineinsteckt".

Man könnte annehmen, daß damit das Thema Religion für die staatlichen Organe erledigt sei. Diese Annahme ist falsch: Mit zunehmender Verbissenheit verhakeln sich Parlamentarier, Minister und Regierungschefs in das Scheinproblem, ob Scientology eine Religion sei und ob man sie von den anscheinend wenig beschäftigten Ämtern für den Schutz der Verfassung observieren lassen soll. Erstaunliche Auslassungen sind zu hören über die Berechtigung der Scientologen, sich Kirche nennen zu dürfen, als sei "Kirche" eine geschützte Markenbezeichnung wie "Cognac" oder "Frankfurter Würstchen". Ein Blick in das Grundgesetz würde genügen, um festzustellen, daß dort "Kirchen" nicht vorkommen, sondern allein "Religionsgesellschaften", mögen sie sich nennen, wie immer sie wollen.

In Deutschland nennen sich die meisten "Kirche", auch kleine und kleinste Gruppen. Warum sollten sich die Scientologen nicht "Church of Scientology" nennen? Weil Scientology keine Religion ist, sagen die Kritiker. Anscheinend ist den meisten dabei nicht aufgefallen, daß die Weimarer Reichsverfassung ausdrücklich "Weltanschauungsvereinigungen" Religionsgesellschaften gleichstellt. Die Artikel sind Bestandteil des Bonner Grundgesetzes. Festzustellen, Scientology sei keine Religion, bringt also nichts. Auch eine Weltanschauungsgemeinschaft darf sich mit dem Etikett "Kirche" schmücken, wenn sie es denn für einen Schmuck hält.

Die ganze gespenstische Diskussion hat überhaupt nur einen rechtlich halbwegs nachvollziehbaren Bezug, nämlich die Frage, ob die Church of Scientology zu Recht ein Verein ist oder nicht. Das ist ein Problem des Vereinsrechts und der Finanzverwaltung und hat mit dem Grundgesetz, mit Parlament und Regierung überhaupt nichts zu tun.

Dennoch ist die Frage, ob Scientology eine Religion sei, interessant.

Nicht als Frage an sich, sondern weil sie etwas über die Denkweise derer verrät, die diese Frage mit Leidenschaft diskutieren. Verfolgt man die Argumente, die gegen den religiösen Charakter von Scientology vorgebracht werden, so kann man diese auf drei Hauptlinien reduzieren: Scientology ist keine Religion, weil ihr Glaubenssystem unsinnig ist, weil sie ihre Angebote als Waren verkauft und weil sie ihre Anhänger abhängig macht.

Jeder Studierende der Religionswissenschaft lernt schon im ersten Semester, daß es sehr schwierig ist, Religion zu definieren. Er lernt auch, daß man sich davor hüten muß, Religion wertend zu definieren. Ob uns bestimmte Sätze einer Religion gefallen oder nicht, sagt nichts darüber aus, ob diese Sätze religiös oder nichtreligiös sind. Es wird eingewendet, das Glaubenssystem der Scientology enthalte irrationale, ja unsinnige Sätze. Ich kann dies sofort unterschreiben, erlaube mir aber zu fragen, ob dies nicht für alle Religionen gilt. Wer unbefangen den zweiten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses liest, wird sich nicht zu dem Urteil hinreißen lassen, daß hier die Spitze möglicher Rationalität erreicht sei.