Mit dem Einbaum zu den Chocó-Indianern und ihren Mythen im Dschungel von Panama

Vom Weltenbaum gepurzelt

Der katholische Geistliche mit der grauen Mähne und dem verwegenen Stoppelbart mahnt: "Wenn du in diese Pfütze fällst und nicht schwimmen kannst, wirst du jämmerlich ersaufen." Regengüsse haben die Dorfstraße unter Wasser gesetzt, darüber führt ein Bretterpfad - zu schmal, als daß der Pater und ich aneinander vorbeikommen könnten. Unter uns gluckert die braune Brühe; dort treiben Exkremente jeglicher Art. Ohne ein weiteres Wort dreht sich der Pater mit akrobatischem Geschick um, nimmt mich an der Hand und balanciert uns aufs Trockene. Ich bin in Yaviza, der Endstation aller schlammigen Pisten im Osten Panamas.

"Nenn mich einfach Miguel", bietet mir der Pater an, als wir bei einem Schluck Wasser im Pfarrhaus sitzen. Sonnengegerbte Haut spannt sich über seine knochigen Wangen. Pater Miguel-Angelo ist Spanier. Ohne Umschweife erzählt er, was ihn hier seit über zehn Jahren hält: die sichere Entfernung zu engstirnigen und realitätsfremden katholischen Führern und das leidenschaftliche Engagement für die Indianer der Region: die Chocó.

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Knapp zehntausend Chocó siedeln in weit verstreuten Dörfern im Darién, dem Dschungelgebiet im Niemandsland zwischen Panama und Kolumbien. Sie unterteilen sich in zwei ethnische Gruppen, die beide zur Kariben-Sprachfamilie gehören. Während die Emberá ihren Ursprung am karibischen Golf von Urabá haben, stammen die Waunan von der nördlichen kolumbianischen Pazifikküste.

Die Chocó kommen in Einbäumen, piraguas, aus ihren entlegenen Dörfern, um in Yaviza ihre Produkte zu verkaufen: Früchte, Maniok, Fische, Felle. Ich hocke auf einem Baumstamm an der schlammigen Uferböschung und sehe, wie die Männer mit geschmeidigen Bewegungen ihre Boote entladen. Selten erhasche ich einen flüchtigen Blick, sie tun, als ob es mich gar nicht gäbe.

"He, Gringo, hast du dich verlaufen?" Die Lastwagenfahrer sind weniger zurückhaltend. Sie übernehmen hier zweimal wöchentlich ihre Fracht. Sie kaufen hundert große Bananen für umgerechnet einen Dollar. Auf den Märkten in der Hauptstadt bringen die Waren aus dem Dschungel ein Zigfaches.

Weil ein direkter Kontakt zu den scheuen Chocó nicht glücken will, springt Pater Miguel-Angelo ein, da er das Vertrauen der Männer genießt. Tage später sitze ich in einer wackligen piragua. Zwei Chocó, Rubén und sein Halbbruder Nadio, stoßen den Einbaum mit langen Holzstangen vom Ufer ab. Zwei Tage werde die Reise ins Chocó-Dorf dauern, ruft mir Pater Miguel noch nach. Manchmal könnten es auch vier werden. Er lächelt vielsagend. Sagt nichts mehr.

Lautlos verschwindet die piragua in einem Nebenlauf des Rio Chueunaque. Der Urwald verschlingt uns augenblicklich. Nur die Oberflächenspannung des Wassers scheint zu verhindern, daß das schwerbeladene Boot volläuft. Reissäcke, Salz, Kaffee. Ein paar Süßigkeiten für die Kinder, Stoffe für die Frauen, ein Messer für Nadios Vater. Die beiden schweigsamen Männer mit den zerzausten schwarzen Haaren stoßen den Einbaum mühsam flußaufwärts und halten ihn dabei dicht am Ufer, wo die Strömung weniger stark ist.

Ich sitze auf einem Reissack, wie ein Passagier während einer Abenteuer-Pauschalreise. Die Rolle des Paschas behagt mir nicht, und ich greife nach der dritten Holzstange. Es kostet mich viel Mühe, im wackligen Einbaum das Gleichgewicht zu halten und die Stange dabei erst kniend, dann stehend in den schlammigen Grund zu rammen. "Asi!" ("Mach es so!") - das kurze spanische Wort ist das erste, was Nadio sagt, seit wir Yaviza verlassen haben. Er zeigt mir die Beinstellung, in der das Gleichgewicht besser zu halten ist.

Stunden vergehen. Mit einem sanft gluckernden Geräusch tauchen die Stangen in den Fluß und lösen sich dann wieder mit einem Ruck aus dem weichen Grund. Diese Bewegung wiederholt sich hundertmal, tausendmal.

Am Abend erreichen wir einen großen See. Die glatte Wasserfläche gleicht einem Spiegel, in dem sich der rötliche Abendhimmel betrachtet. Nadio zeigt auf einen umgestürzten Urwaldriesen. Gleich dahinter verbirgt sich ein Lagerplatz, der von den Chocó gerne als Handelsplatz auf dem Weg nach Yaviza genutzt wird. Auch zum Jagen und Fischen kommen sie an den See.

Als wir am Feuer sitzen, spüre ich jeden Muskel. Oberarme und Schultern sind steif. Ich massiere mit meinen von Blasen bedeckten Händen ein wenig meine Schultern. Rubén und Nadio lächeln. Die beiden haben ein undefinierbares Stückchen Fleisch über dem Feuer aufgespießt. Vielleicht ist es von einem Affen. Wir essen Bananen und ein wenig Brot dazu. Meine Reisegefährten trinken Wasser aus dem See. "Das sauberste und gesündeste im ganzen Darién", meint Rubén. Ich vertraue seinem Urteil, aber nicht meinem Magen, und koche die Brühe ab. Ich bin hundemüde.

Am nächsten Morgen gleicht die Beweglichkeit meines Körpers der eines Baumstammes. Während meiner ersten Gehversuche denke ich weniger an Muskelkater als an eine Art Lähmung. Rubén und Nadio beobachten amüsiert die frühmorgendliche Gratisvorstellung. Wieder im Einbaum, fasziniert mich der Dschungel von neuem. Schmetterlinge und Vögel wetteifern mit Orchideen um die ausgefallenste Farbenpracht. Schildkröten plumpsen von umgestürzten Baumstämmen ins Wasser. Schwarze Affen beobachten uns neugierig aus gewaltigen Baumwipfeln.

Plötzlich zupft mich Rubén am Arm, drückt den Zeigefinger auf seine Lippen: Still sein! Mit einem vorsichtigen Kopfnicken deutet er ans Ufer. Dort trinkt ein Wasserschwein. Dann sehe auch ich, was die beiden Brüder versteinert hat. Nur wenige Meter dahinter lauert ein Jaguar. Sein schönes Fell leuchtet aus dem Unterholz. Wir sind so nah, daß ich die Augen des mordlüsternen Tieres sehen kann. Dann bemerkt uns die Katze und ist im gleichen Augenblick im Pflanzenlabyrinth verschwunden.

In vielen indianischen Kulturen werden dem Jaguar übersinnliche Kräfte zugesprochen. Deshalb glaubt Nadio an die tiefere Bedeutung dieser Begegnung. Sie wird ihm Kraft und Ansehen verleihen. "Auch für dich war das ein Zeichen", flüstert er mir zu. Der Jaguar werde mich auf meinen Wegen durch den Dschungel beschützen.

Das gemeinsame Erlebnis hat uns enger verbunden. Die Brüder erzählen mir jetzt von ihren Familien. Eine Woche haben sie ihre Frauen und Kinder nicht gesehen. Nadio hat vier Söhne und zwei Töchter. Seinem Ältesten, Juan-Martin, hat er Werkzeug aus Yaviza mitgebracht. Der Junge wird demnächst seine erste piragua bauen.

Am Nachmittag des dritten Tages schält sich ein Dorf aus dem Dschungel. Etwa zwanzig einfache Hütten stehen auf Pfählen auf einer Anhöhe über dem Fluß. Die Chocó haben die geflochtenen Seitenwände erst kürzlich abgenommen. Jetzt, zu Beginn der trockenen Jahreszeit, kann ein Luftzug die drückenden Tage und Nächte erträglicher machen. Unter den Hütten leben Hühner und Schweine von den Abfällen, die von der Wohnplattform herunterfallen. Am Ufer spielen Kinder ausgelassen im Wasser. Fischer kontrollieren ihre Leinen und die geflochtenen Reusen. In der Ferne steigt Rauch aus dem Wald. Dort wird für neue Maniokfelder gerodet.

Den Brüdern steht die Freude ins Gesicht geschrieben - wir sind am Ziel. Rubén und Nadio werden von ihren Großfamilien herzlich empfangen. Das Mitbringsel mit der weißen Haut steht zuerst abseits. Wird dann neugierig betrachtet und abgetastet. Einige Männer schmunzeln. Andere beäugen mich mißtrauisch. Die Frauen mit den schönen, durch die Wangenknochen betonten Gesichtern tuscheln und kichern über die Härchen auf meinen Zehen. Die Frauen sind geschmückt mit silbernen Ohrringen und Halsketten aus Glasperlen. Nur die älteren unter ihnen tragen die traditionellen bunten Wickelröcke. Ihre Oberkörper sind nackt. Die Männer, klein und kräftig, tragen ausgewaschene T-Shirts und kurze Hosen.

In gebrochenem Spanisch bittet mich der Häuptling, nokó Raphael, in seine Hütte. Ich überlasse seiner Frau Serpia einige Geschenke: Salz, Mehl, Reis, Angelhaken. Bei einer Art Tee erkläre ich dem Häuptling mein Interesse an der Kultur der Chocó und sage, ich würde gern ein paar Tage am Dorfleben teilhaben. Sonst nichts. Der nokó ist mißtrauisch. Die wenigen Weißen, die sich hierherverirrt hatten, führten meist nichts Gutes im Schild. Es waren rücksichtslose Jäger, kolumbianische Drogen- und Waffenschieber, Menschenhändler.

"Das hier ist doch nicht deine Welt", meint der nokó zu Recht und versteht nicht, was ich in seinem Dorf suche. Rubén und Nadio werfen ihre Freundschaft und die gemeinsame Begegnung mit dem Jaguar für mich in die Waagschale. Spät in der Nacht zeigt mir der nokó schließlich meinen Schlafplatz in einer leerstehenden Hütte. Im Namen des Dorfes lädt er mich ein, einige Tage zu bleiben.

Der Alltag im Dorf: Die Männer reparieren gemeinsam die windschiefe Hütte eines Nachbarn oder gehen in den Wald, um - meist erfolglos - zu jagen. Vordergründig haben sie das Sagen, in Wirklichkeit regieren jedoch die Frauen die Geschicke des Dorfes. Sie sichern mit dem Gemüse und den Früchten aus den Pflanzungen die Ernährung ihrer Familien und verwalten meist auch die kargen Ersparnisse. Mir fällt der natürliche, zärtliche Umgang auf, den die Chocó untereinander pflegen. Oft gehen die Männer händchenhaltend durch das Dorf. Familienmitglieder umarmen sich ohne erkennbaren Grund oder sitzen eng aneinandergeschmiegt in den Hütten.

Im Vergleich zu diesem Gebaren steht die hart klingende Sprache der Chocó: Meist schreien sie sich an. Auch gutgemeinte Worte klingen für mich bisweilen wie ein Streit. Geflüstert wird nur zu ganz besonderen Anlässen. Die Chocó im Dorf verehren die Natur als zentralen Bestandteil ihrer Religion, obwohl sie seit Generationen offiziell katholisch sind. Die Männer fällen nur so viele Bäume, wie sie zum Bau ihrer Hütten und der piraguas benötigen. Sie jagen und fischen zu bestimmten Jahreszeiten und verschonen Jungtiere.

"Was wäre der Chocó ohne einen glücklichen Wald?" fragt mich der Häuptling einmal auf der Jagd. Er erwartet keine Antwort. Das Leben im Dschungel hat nichts Romantisches, denn die Probleme der Chocó sind vielfältig: Das Trinkwasser kommt aus dem schmutzigen Fluß, die medizinische Versorgung ist unzureichend. Fleisch und Fisch sind Raritäten auf dem Speisezettel. Unterernährung und hohe Kindersterblichkeit machen den Bewohnern zu schaffen. Die sogenannte Zivilisation dringt immer weiter in den Dschungel vor. Oft stehen ihr Raphaels Leute machtlos gegenüber. "Am Oberlauf des Flusses fischen sie mit Gift und Dynamit", klagt der nokó. In den kommenden Jahren werden immer weniger Fische auf ihren Wanderungen das Dorf passieren. "Was werden wir dann essen?" fragen die Männer am Feuer.

Die indigene Organisation Coordinadora Nacional de los Pueblos Indigenas de Panamá (COONAPIP) vertritt die Rechte aller panamaischen Indianer gegenüber der Regierung seit einigen Jahren sehr erfolgreich. Verglichen mit anderen lateinamerikanischen Ländern, stehen die Chancen für eine Verbesserung der Lebensbedingungen hier günstiger. Was die Indianerfrage betrifft, ist Panama an einem guten internationalen Image gelegen - nicht zuletzt auch, weil der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle bildet.

Dennoch ist der Weg zur Anerkennung der indianischen Wurzeln durch den Rest der panamaischen Gesellschaft steinig: Viele "zivilisierte" Panamaer bringen den Chocó eine rassistische Haltung entgegen. "Für die sind wir nur ein paar dreckige Waldtiere", sagt der Häuptling.

Im Schein des Feuers lausche ich alten Legenden: Geheimnisvolle Wesen huschen durch den Urwald - halb Mensch, halb Tier. Unvergessene Chocó-Krieger kämpfen heldenhaft gegen die Cuna-Indianer. Eine Frau erzählt vom Anfang aller Zeiten, als der Weltenbaum gefällt wurde und so die ersten Chocó auf die Erde purzelten.

Am letzten Abend vor meiner Weiterreise hat das Dorf ein Ritual für mich vorbereitet. Bis auf eine kurze Hose entkleidet, sitze ich im Kreis der Chocó. Die Frauen haben für das Fest ihre bunten Röcke umgewickelt und sich Blumen ins Haar gesteckt. Die Männer tragen lange Lendenschurze und silberne Armreife. Schwere, kanuförmige Trommeln hallen durch das Dorf. Winzige Flöten spielen eine monotone Melodie. Nokó Raphael hat eine gewobene Krone auf dem Kopf, aus der bunt bemalte Holzstücke ragen, und er singt.

Kiparas, kleine grüne Früchte, werden in einer Kalabasse zerstampft. Rissige Frauenhände sieben das strohige Fruchtfleisch aus. Serpia und ihre Schwester tragen den durchsichtigen Saft mit fein geschnitzten Holzstücken auf meinen Körper auf. Es kitzelt angenehm. Unsichtbare geometrische Muster entstehen. Ich darf mich nicht bewegen, bekomme Kaffee eingelöffelt, werde mit Bananenstückchen gefüttert.

Wie durch Geisterhand färben sich die Ornamente auf meiner Haut schließlich schwarz. Spiralen, Kreise, Dreiecke, geschwungene Linien: das Zeichen der Schlange. "Es wird dich auf dem Weg durch den Dschungel beschützen", erklärt mir der nokó. Am folgenden Morgen sind die Muster auf der Haut noch immer da, wie eine Tätowierung.

Als ich mich an diesem Tag auf den Weg nach Kolumbien mache, stehen die Chocó am Ufer. Nadio hat es sich nicht nehmen lassen, mich in seinem Einbaum noch ein Stück flußaufwärts zu begleiten. Das Dorf bleibt zurück. Stolz betrachte ich meine Bemalung. In ein paar Tagen wird das Zeichen der Schlange verschwunden sein. Die Erinnerung an die Chocó dagegen nicht.

Anreise: Nach Yaviza gibt es ab Panama City eine tägliche Busverbindung. Die normale Fahrzeit beträgt etwa zwölf Stunden. In der Regenzeit kann es zu Verspätungen und zeitweise zur Stillegung der Strecke kommen.

Einreise: Für Deutsche genügt ein sechs Monate gültiger Reisepaß.

Unterkunft: In Yaviza gibt es zwei sehr einfache Hotels. Das Doppelzimmer kostet etwa 14 US-Dollar.

Klima: Von Januar bis April ist es trocken und heiß.

Genehmigung: Wer von Yaviza aus tiefer in den Darién-Dschungel vordringen will, sollte sich vorher in Panama City an die COONAPIP wenden. Die aktuelle Adresse kann in Panama City erfragt werden.

Literatur: "Central America on a Shoestring" (engl.), sehr guter praktischer Führer, lonely planet, Hawthorn/Australien 1994; "Mexico & Central American Handbook" (engl.), ebenfalls sehr praktisch und detailliert, Footprint Handbooks (ex Trade & Travel Handbooks), Bath/England 1996.

Auskunft: Botschaft von Panama, Lützowstraße 1, 53173 Bonn, Tel. 0228/36 10 36.

 
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