Jens Reich: Gedanken eines ehemaligen Insassen der DDR zu der mißlungenen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin

Als die DDR ausgerufen wurde, war ich noch ein Kind. Als sie die Mauer errichtete, war ich 22 Jahre alt. Der Mauerbau war der Schock meines Lebens. Ich habe ihn der DDR nicht mehr verziehen. Ich fühlte mich all die langen Jahre eingesperrt, litt am Mauersyndrom, das sich in vielen schmerzhaften Verbiegungen der Seele ausprägte. So etwas Ähnliches wie Versöhnung hätte es werden können, wenn sich der Staat nicht ein Jahr nach dem Herbst 1989 ins Nirwana verflüchtigt hätte. So aber fiel die Utopie eines gemeinsamen sonnigen Alterns von Staat und Staatsbürger aus.

Darüber bin ich keineswegs ein Seelenkrüppel geworden. In die DDR-Zeit fällt mein bewußtes Leben, alles, die Liebe, die Ehe, die Kinder, die jungen Jahre, die Freunde, der Beruf, die Zeit der Illusionen, der verflogenen Hoffnungen, der überstandenen Enttäuschungen. Und die ironische Distanz zu diesem Staat und seiner Gesellschaftsform hat uns unser Selbstbewußtsein gegeben.

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So ist es verständlich, daß ich kein gelassenes Verhältnis zur DDR-Geschichte haben kann. Ein Ausflug in eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin über das erste DDR-Jahrzehnt führt in die eigene Vergangenheit, und ich gehe einen solchen Weg mit der Beklemmung, die jeder kennt, der nach Jahrzehnten in die Kleinstadt zurückkommt, in der er Kindheit und Jugend verbrachte und doch keine sentimentale Erinnerung daran bewahren konnte. Ich bin noch heute so froh wie damals, dieser Jugend entronnen zu sein, und doch ist da eine Nostalgie nach dem Irreversiblen, die es verhindert, diese Zeit einfach durchzustreichen.

"Siegerjustiz" steht im Gästebuch, mit zorniger, schon etwas zittriger Handschrift. "Geschichte schreiben immer die Gewinner", höre ich im Vorbeigehen einen Vater seiner halbwüchsigen Tochter erklären. "Und diese Kommunisten sind immer noch da!" sagt eine korpulente Frau mit westfälischer Sprachfärbung zu ihrer Begleitung und meint vermutlich die PDS, diese Brennessel im Schuttbiotop der neuen Bundesländer. Zahlreiche alte Herren mit dem Band ihrer Burschenschaft über der Brust streifen ernsten Gesichts durch die Ausstellung, von beflissenen Aktiven begleitet. Sie bilden Belehrungs- und Diskussionsgruppen und verursachen Verkehrsstauungen. Für die Füchse ist das alles neu, die alten Herren sind in ihrem Element, denn sie haben die gleichen Analysen auch schon 1950, 1960, 1970, 1980 angestellt und recht behalten. Sie und die eleganten Yuppies in langen Wintermänteln sind also die Sieger - die Verlierer lesen verkniffenen Gesichts die Vitrinentexte und schreiben später Berichtigungen in das Gästebuch, so von der Art, daß die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft erst später gegründet wurde, in der Vitrine aber die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion gemeint sei.

Meine Emotionen kann ich nicht klar ausdrücken. Ich fühle mich nicht von Siegern beurteilt. Ich bin auch nicht um meine Biographie betrogen. Das ist schon richtig, was da alles an vergilbten Zeitungsausschnitten und Dokumenten, an propagandistischem Schnickschnack vorgeführt wird. Ich erkenne das alles wieder. Die aufmunternden Texte auf den HO-Tüten ebenso wie das Gewerkschafts-Mitgliedsbuch mit den eingeklebten "Solimarken" (weshalb im Volksmund auch die Solidaritätssteuer, um die heute die Gigantomachie der Bonner tobt, auch einfach "Solibeitrag" heißt). Auch die Marschlieder sind nach zahllosen Mai- und Oktoberdemonstrationen feste Engramme im Gehirn geworden. Sie dröhnen im Kopf und lassen Arm- und Beinmuskeln zucken. Wie einem alten Kavalleriegaul, sagte man vor Zeiten. Und es sind ein paar von den FDJ-Wanderliedern aus dem Ferienlager der Jungen Pioniere (zum Beispiel "Entgegen dem kühlenden Morgen, am Flusse entgegen dem Wind . . ."), deren Melodie mich noch heute in fröhliche Stimmung versetzt (die zitierte Filmmelodie stammt übrigens von Schostakowitsch).

Alles bekannt also, und doch fremd ist mir die Ausstellung. Unter der Überschrift "Parteiauftrag: Ein neues Deutschland bauen!" zeigt sie mir mein Jugendjahrzehnt in fremdem Kunstlicht. Es ist (als Vergleich), als ob man mir die neunziger Jahre darstellen wollte mit: einem Endlosband einer Rede von Helmut Kohl, einer Seite der Bild-Zeitung und der mit überdrehter Musik unterlegten und mit sämiger Stimme vorgebrachten Ansage eines Kaufhausfunks.

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