DRESDEN. - Mein Kollege ist ein waschechter Ossi.Als er zum ersten Mal geschieden wurde, existierte die DDR noch.Alleine bleiben wollte er nicht.Also gab er eine Heiratsanzeige auf. Es dauerte einige Wochen, dann erschien die Annonce."Überzeugter Marxist sucht gleichgesinnte Partnerin", lautete der erste Satz. Er hat seine Traumfrau tatsächlich gefunden - und nach der Wende wieder verloren.Sie hat ihn wegen eines anderen verlassen, eines Geschäftsmannes aus dem Westen. Ein Heiratsanzeigen-Schicksal aus der DDR.Komisch, daß sich bislang niemand wissenschaftlich mit diesen Annoncen auseinandergesetzt hat.Die Jungjournalisten an der Leipziger Uni, die Behörden der DDR und die Staatssicherheit werteten Leserbriefe aus - aber auf die Kontaktanzeigen achtete offenbar niemand. Das Berliner Privatinstitut für angewandte Demographie hat dieser Tage die erste soziologische Studie von Bekanntschafts- und Heiratsanzeigen in der DDR vorgelegt.Die Wissenschaftler haben die Annoncen in der Wochenpost und in der erotischen Zeitschrift Magazin von 1953 bis 1996 untersucht.Irgendwie sympathisch, diese DDR, die uns aus den Annoncen heraus anguckt.Keine einzige reiche Unternehmertochter sucht da ihren Golfpartner.Auch nicht diese Legionen von attraktiven, kritische n, genußfreudigen und dabei superschlanken Menschen, die - natürlich aus Paritätsgründen - nach einem Riesenvermögen Ausschau halten und derweil in der Toskana Barolo schlürfen. In der DDR galten andere Werte.Gelegentlich tauchte die "marxistisch-leninistische Grundhaltung" in den Kontaktanzeigen auf.Zumeist aber beschrieben sich Frauen wie Männer als warmherzig, liebevoll, naturverbunden. Der ersehnte Partner sollte genau so sein, überdies noch treu, und die Damen wünschten sich häufig einen "Vati" für ihr Kind. Niemand prahlte mit Eigentum oder Geld.Gefragt waren "handwerkliche Fähigkeiten", und nach der Existenz eines Autos oder eines Kleingartens erkundigte man sich behutsam - indem man ein Interesse für "Autotouristik" oder Gartenarbeit bekundete. Ganz frei von materiellen Gelüsten waren die Ossis allerdings nicht: Viele Inserenten waren auf Eigenheime scharf, schreiben die Berliner Soziologen. Nach der Wende gab es einen jähen Bruch.All diese netten, von "wilden Nächten im Heu" schwärmenden Spinner wurden abgelöst durch westliche Supermänner, die von der anschmiegsamen Ost-Prinzessin träumten.Eine vorübergehende Erscheinung.Wer heute die Kontaktanzeigen in den regionalen Ostblättern studiert, der entdeckt ihn noch, den Hauch der DDR.Neu ist die Reiselust.Ansonsten behaupten die Inserenten nach wie vor, warmherzig und naturverbunden zu sein.Kinderliebe ist ihnen wichtiger als Größe u nd Gewicht. Die Finanzen geistern nur schemenhaft durch die Anzeigen.Aus ganz praktischen Gründen, wie ein Witz verrät.Ein Mann betritt ein Heiratsinstitut in einer östlichen Großstadt."Zeigen Sie mir alle Karteikarten, die Sie haben", sagt er."Aber mich interessieren nur Frauen mit 300 000 Mark und mehr auf dem Konto."Die Vermittlerin zuckt mit den Schultern."Tut mir leid", sagt sie, "über 50 000 haben wir nichts."