Hypergedichte, Live-Improvisationen und digitale Salons: Die deutsche Literaturszene hat das Internet entdeckt

Als sich der Schriftsteller Reinhard Kaiser auf "literarische Spaziergänge im Internet" machte (so der Titel seines im Herbst bei Eichborn erschienenen Buches), fand er sowohl gepflegte Alleen als auch kaum ausgetretene Pfade vor. Er entdeckte ASCII-Halden voller Klassiker, deren Urheberrechte lange erloschen sind. Macbeth, Struwwelpeter, Faust und die Herzkönigin haben sich in ZIP-Archive gezwängt und warten darauf, daß sich jemand für sie interessiert im Wunderland Internet.

Kaiser sah auch ein paar lebende Schreiber sich tummeln, Hypertexter, Dynadichter und Netzpoetinnen. Bloß, was tun die da eigentlich und warum?

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Das Internet scheint ja zunächst eine weltumspannende Schreibtischschublade zu sein: Was früher ungedruckt geblieben und am Ende im Papierkorb gelandet wäre, findet hier seine Leser. In dem Diskussionsforum de.alt.geschichten zum Beispiel trifft sich netzweit ein Zirkel schreibfreudiger Liebhaber und bespricht Selbstgebasteltes. Hier findet man Alltagserzählungen, gelungene Science-fiction und romantisch verklärte Waldspaziergänge mit heftig quellenden Adjektiven. Auch Poesie zuhauf: "Der Tod ist eine schöne Sache / wenn er mich erlöst von meinem Schmerzen // Was bin ich für doch ein armes Ding, / wenn ich leiden muß mein Leben lang."

In de.alt.geschichten sucht man Dichter, die mit LSD experimentiert haben, oder einfach jemanden, der auf einen selbstverfaßten Text reagiert. Fragen, die früher nachts in verqualmten Szenekneipen gewälzt wurden ("Was ist Lyrik, was Prosa?"), finden hier ihre Lösung, die aber kurz darauf wieder vergessen ist, wenn die Flut neuer Meldungen den betreffenden Diskussionsbeitrag hinweggeschwemmt hat und dieselbe Debatte mit anderen Teilnehmern von neuem beginnt.

Mit Literatur, wie sie dem Netz eigen sein und aus ihm entstehen könnte, hat all dies offenbar wenig zu tun. Mag sein, daß auch nach - oder gerade nach - dem 1. Internet-Literaturwettbewerb von ZEIT und IBM niemand so recht weiß, was das eigentlich ist, Literatur im Netz. Darf sich Internet-Literatur nur mit dem Datennetz selbst beschäftigen? Oder ist alles erlaubt, wenn nur irgendwo ein Buchstabe auftaucht?

Während die Frage noch ihrer Lösung harrt, feiern regionale Literaturhefte ihren Auftritt als E-Zine und verwandeln das Netz in einen virtuellen Copyshop. Auch die Avantgarde wagt sich die Bühne und sucht nach neuen Ausdrucksformen. "Collaborative writing" lautet eines ihrer Schlagwörter. Projekte wie Spielzeugland oder Storyweb laden alle Leser ein, an einem Geflecht von Gedichten, Bildern und Assoziationen mitzustricken, ausgehend von ein paar simplen Gedanken.

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