Reemtsma-Prozeß: Wie die Justiz einem der spektakulärsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte gerecht zu werden versuchte

Der Hauptverdächtige ist auf der Flucht, noch fehlen etwa 28 Millionen Mark Lösegeld. Im Prozeß gegen die Entführer von Jan Philipp Reemtsma wurde gegen zwei kleine Ganoven verhandelt

Einem aufsehenerregenden Verbrechen folgt, wenn die Täter gefaßt sind, ein aufsehenerregender Prozeß. 33 Tage angekettet! 30 Millionen Mark Lösegeld!! Welche Dramatik ist da zu erwarten, wenn sich Opfer und Täter vor Gericht wiedersehen, zumal Jan Philipp Reemtsma nach seiner Entführung öffentlich bekundet hatte: "Ich möchte denen gerne ins Auge sehen."

Furchtbares haben die Verbrecher dem Millionenerben angetan, nachzulesen bis in alle Einzelheiten in seinem Buch "Im Keller", das zum Prozeßbeginn erschien: eine Anklageschrift, eindrucksvoller als alles, was ein Staatsanwalt je verfassen könnte. Das Gericht, sagt Johann Schwenn, der Anwalt des Opfers, müsse potentiellen Nachahmungstätern "das richtige Signal" geben: Verbrechen lohnt sich nicht!

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Leider wäre dieses Signal ein knappes Jahr nach dem Verbrechen noch immer reichlich voreilig. Thomas Drach, den die Polizei für den Haupttäter hält, ist seit dem April vergangenen Jahres spurlos verschwunden und mit ihm fast das gesamte Lösegeld. Es gibt mindestens zwei weitere Entführer, deren Namen die Polizei aber nicht kennt. Über Hintermänner, Finanziers des aufwendigen Verbrechens, kann man nur spekulieren. Und das alles sollen nun zwei traurige Gestalten ausbaden: Vor der 16. Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts stehen seit dem 9. Januar dieses Jahres Wolfgang Koszics, 55, ein glückloser Straßenräuber, und dessen Freund Peter Richter, 59, ein Handelsvertreter, der bislang noch nicht einmal vorbestraft ist.

Wo Drach gezwungen war, Spuren zu hinterlassen, bediente er sich dieser beiden. Koszics mietete das Haus in Garlstedt bei Bremen, in dessen Keller Reemtsma festgehalten wurde; Richter, nicht vorbestraft, meldete sich dort an. Beide beschafften für den Coup Fahrzeuge und Funktelephone; Richter erwarb in London elektronische Ausrüstung: ein Nachtsichtgerät, einen Sprachverzerrer, Funksprechgeräte und einen Wanzendetektor. Und er war es, der Reemtsmas Familie am Telephon Anweisungen zur Übergabe des Lösegeldes gab und dabei die entscheidende Spur zurückließ: die Aufzeichnung seiner trotz des Verzerrers nahezu unverfälschten Stimme, welche die Polizei erst zu ihm nach Leverkusen führte, dann zu seinem Zweitwohnsitz in Garlstedt und schließlich auch zum Mieter des Hauses, Koszics.

Peter Richter ist nur als Gehilfe angeklagt, Wolfgang Koszics hingegen als Täter. Er war an mindestens zwei versuchten Geldübergaben beteiligt und hat die Geisel zwei Tage lang bewacht. Später hat Koszics in Österreich und der Schweiz insgesamt rund eine Million Mark aus der Beute in Devisen gewechselt und davon nach eigenen Angaben die Hälfte Thomas Drach übergeben.

All das haben die Angeklagten längst gestanden, der Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Presse, und mehr wirft ihnen die Anklage auch nicht vor. Sensationelle Enthüllungen sind daher kaum zu erwarten, so daß sich die fünfzig Medienleute im Zuschauerraum ganz auf die Begegnung von Tätern und Opfer konzentrieren können.

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