Als ich im Jahr 1986 zum ersten Mal das Kleine Arschloch zu Papier brachte, hatte ich nicht die geringste Ahnung davon, in welcher Weise diese lächerliche Witzfigur mein weiteres Leben bestimmen würde.

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Eigentlich nur zu einer kurzlebigen Existenz bestimmt, entwickelte sich das Kleine Arschloch zu einer sogenannten Kultfigur, was so etwa das Verheerendste ist, was einem Zeichner widerfahren kann. Die Entstehung einer Kultfigur hat meiner persönlichen Theorie nach nichts mit dem Willen des Zeichners zu tun, sondern ist ein bioelektro-basisdemokratisches Energiephänomen von frankensteinschen Ausmaßen: Sobald eine vom Schicksal zur Kultfigur bestimmte Comicpersönlichkeit zum ersten Mal im Druck erscheint, kommt es zu einem Energieaustausch zwischen Fan und Figur. Bisher noch nicht meßbare Kultstrahlen strömen zwischen beiden hin und her und erzeugen ein Energiekultfeld, das die Figur mit einem Eigenleben beseelt, das nichts mehr mit der Phantasie des Zeichners zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem kollektiven Wunsch der Fangemeinde, daß dieser Figur ewiges Leben bestimmt sei. Kult ist also die kalorienärmere und demokratischere Variante von Kultur: leichter zu verdauen und nicht vom Künstler verordnet, sondern vom Volk gewollt. Was nicht heißen soll, daß daraus keine Schreckensherrschaft werden kann. Im Gegenteil.

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Von diesem Augenblick an ist der Schöpfer der Figur zu ihrem Sklaven geworden, er weiß es nur noch nicht. Er sonnt sich im Erfolg seiner vermeintlich originellen Idee und hält sich vielleicht selbst für gottgleich, wenn er Fortsetzung für Fortsetzung runterreißt und dem Kunstwesen neues Leben einhaucht, dabei folgt er nur wie ein Autopilot einem Leitstrahl, der von seiner Figur und seiner Fangemeinde aufrechterhalten wird. Daß die Figur dadurch immer mächtiger wird, während ihm selbst pausenlos Energie abgezapft wird, merkt er erst, wenn es bereits zu spät ist. Manche Kultfiguren haben es auf diese Weise zu einem Machtpotential gebracht, von dem Diktatoren nur träumen können, und dies inklusive Unsterblichkeit, während ihre Schöpfer schon längst in der Urne ruhen: Mickymaus, Max und Moritz und Jim Knopf leben, aber Walt Disney, Wilhelm Busch und Michael Ende sind tot.

Rangmäßig spielt das Kleine Arschloch, im Vergleich mit solchen Größen, natürlich noch in der Amateurliga. Während die Mickymaus sozusagen der Bill Clinton unter den Kultfiguren ist, ist das Kleine Arschloch, sagen wir mal, höchstens Fürst Rainier von Monaco oder, vielleicht besser: Ghaddafi. Aber auch Napoleon hat einmal klein angefangen.