Der große Plan

Die Schuldfrage der beiden Weltkriege ist von den Historikern längst und gründlich geklärt worden. Aber wie konnte es einem besiegten Deutschland gelingen, nach 1919 in nur zwei Jahrzehnten ein bedrohliches neues Großes Heer aufzustellen, das sogar noch das kaiserliche übertraf? Zeithistoriker haben nachgewiesen, daß diese Wiederaufrüstung insgeheim lange vor der "Machtergreifung" Hitlers begann. Ein Schlüsseldokument jedoch, das die zielgerichtete Planung eines Revanchekrieges seit Mitte der zwanziger Jahre klar beweist, wurde nicht bekannt. Der Hamburger Privatforscher Carl Dirks (siehe Kasten) hat es gefunden: einen schlichten Leitz-Ordner, der es in sich hat.

Das Dokument, von dem es nur ein Exemplar gibt - vier Haupthefte mit ein paar hundert Seiten Datenmaterial -, lag nach 1945 viele Jahre unbeachtet im Pentagon. Hätte die Anklage im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß es gekannt, wäre wohl der deutsche Generalstab nicht freigesprochen, sondern wegen Verschwörung gegen den Frieden verurteilt worden.

"Diese Arbeit war damals das Geheimste vom Geheimen", steht in einem Handschreiben, das Generalleutnant a. D. Walter Behschnitt 1960 im Bundesarchiv zurückließ, nachdem er dort die inzwischen aus Amerika zurückgekehrte Akte wiedergefunden hatte (siehe Bild nächste Seite). Fünfunddreißig Jahre zuvor hatte er als junger Hauptmann in der Organisationsabteilung des Truppenamtes (T 2) der Reichswehr gemeinsam mit einigen anderen Bearbeitern das brisante Werk zusammengestellt.

Auf der Rückseite des Ordners steht lapidar: "Stärke- und Ausrüstgs.-Nachweisg.

WH 808". Der Titel der gedruckten Unterlagen könnte sachlicher nicht sein: "Übersicht der Gesamtstärken und -Ausrüstung der Kommandobehörden und Truppeneinheiten des Feldheeres". General Hans von Seeckt, der Chef der Heeresleitung und Schöpfer der legendären 100 000-Mann-Berufsarmee (siehe Kasten Seite 17), hatte dem Truppenamt - unter diesem Tarnnamen lebte der von den Siegermächten verbotene Große Generalstab weiter - die Planungsaufgabe gestellt, ein Kriegsheer von 102 Divisionen, davon 39 Grenzschutzverbände und 63 Felddivisionen, mit 2,8 bis 3 Millionen Mann aufzustellen. Dieses Droh- und Bluffinstrument sollte den Deutschen dazu verhelfen, die "Schmach" des "Versailler Diktats" friedlich oder gewaltsam auszulöschen, die verlorenen Provinzen in Ost, Nord und West zu "befreien" und die Großmachtstellung von 1914 wiedereinzunehmen.

Das Verblüffende an dieser Geheimstudie: Am 1. September 1939, als der Zweite Weltkrieg beginnt, steht das deutsche Heer tatsächlich mit 102 Divisionen bereit! Es sind, wie 1925 geplant, 2,8 Millionen Mann. Die Reichswehr hatte 42 Generäle für das Große Heer waren 252 vorgesehen - genauso viele Etatstellen für Generäle wies auch das Feldheer 1939 auf. Acht Armeen hatte man 1925 projektiert (soviel wie 1914 zu Kaisers Zeiten), und 1939 sind die Deutschen stolz auf ihre acht vollwertigen Armeen!

Während jenes einzigartige Planwerk, die Grundlage aller weiteren Rüstungsprogramme bis zum Jahre 1936, gedruckt wurde, saß der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler wegen Hochverrats auf der bayerischen Festung Landsberg und diktierte sein Buch "Mein Kampf", noch ahnungslos, daß er dereinst der Durch-Führer dessen sein würde, was sich die monarchistisch-konservativen Generäle ausgedacht hatten. Ohne die minuziöse Vorarbeit der Abteilungen des geheimen Generalstabs und anderer Heeresämter hätte das "Dritte Reich" niemals binnen sechs Jahren die stärkste und modernste Land- und Luftmacht des Kontinents auf die Beine stellen können, die dann fast ganz Europa von Dünkirchen bis Stalingrad und von Narvik bis Kreta im Sturm überrannte.

Der Rohentwurf für diese Streitmacht wurde Mitte der zwanziger Jahre vermutlich von acht Majoren und zehn Hauptleuten erarbeitet.

Oft wußten nicht einmal ihre Vorgesetzten, was sie da in den beiden Arbeitsgemeinschaften trieben jeder Bearbeiter trug, wie sonst nur in Geheimdiensten üblich, einen Decknamen. Auf sie traf also das Wort Seeckts, daß Generalstabsoffiziere keinen Namen haben, doppelt zu. Nach außen galten die "allergrößten Vorsichtsmaßnahmen".

Diese Geheimnistuerei war nur zu berechtigt, denn es wimmelte in Deutschland von Spionen.

Außerdem befand sich eine interalliierte Militärkontrollkommission im Lande, scharf darauf, die Deutschen bei Verstößen gegen die militärischen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages zu ertappen. Die allgemeine Wehrpflicht war abgeschafft, der Generalstab verboten Mobilmachungsarbeiten mußten unterbleiben. Die Reichswehr durfte weder Panzer noch Kampfflugzeuge, noch chemische Waffen besitzen (dank der von Seeckt eingefädelten Zusammenarbeit mit der Roten Armee konnte sie jedoch die Vernichtungswaffen heimlich in der Sowjetunion erproben). Die Versailler Vorschriften hatten Gesetzeskraft wer gegen sie verstieß, brach also nicht nur das Völkerrecht, sondern auch die Verfassung, der alle Reichswehroffiziere ihren Treueid geschworen hatten.

Doch die Militärs hatten kein Unrechtsgefühl, sondern waren gewiß, eine patriotische Pflicht zu erfüllen. Ebenso wie sie empfand auch die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes die alliierten Vorschriften als demütigend und ungerecht. Denn 1919 hatte, entgegen den Versprechungen der Siegermächte, einzig das besiegte Deutschland abgerüstet. Frankreich hielt 800 000 Mann unter Gewehr, und die Armeen ihrer kleinen Verbündeten Tschechoslowakei und Polen waren besser bewaffnet und stärker als die Reichswehr.

Eigentlich haben die Deutschen erst im Katastrophenjahr 1923 schmerzlich begriffen, daß ihr Land den Krieg verloren hatte. Im Januar marschierten fünf französische Divisionen und eine belgische in das Ruhrgebiet ein außerdem wurden die alliierten Brückenköpfe auf dem rechten Rheinufer erweitert, und das alles angeblich nur, weil die Weimarer Republik ihr Ablieferungssoll an Kohlen und hölzernen Telegraphenstangen nicht erfüllt hatte. Seit dem Trojanischen Pferd sei kein ähnlicher Mißbrauch des Holzes vorgekommen, spottete ein britischer Diplomat.

Tatsächlich aber ließ sich Frankreich von seinen Sicherheits- und Großmachtinteressen leiten. Schutzlos war die Bevölkerung im Ruhrgebiet der feindlichen Invasion preisgegeben. Die Reichswehr wagte nicht einzugreifen. Ihre sieben Divisionen hätten nur für eine Stunde Kampf Munition gehabt!

Im Herbst 1923 mußte die Reichsregierung den von ihr befohlenen passiven Widerstand im Ruhrgebiet abblasen, weil sie wegen der galoppierenden Inflation - zuletzt kostete ein Dollar 4,2 Billionen Mark! - die Löhne und Gehälter und die Lebensmittellieferungen nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt drohte das Reich im Chaos zu zerfallen: Separatismus im Rheinland und in der Pfalz Unruhen in Sachsen und Thüringen, wo die Reichswehr auf bewaffnete Arbeiter schießen mußte Kommunistenaufstand in Hamburg Meuterei und Hochverrat in Bayern, einer Hochburg der Rechten. Als dann auch noch am 8.

November 1923 der Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff und der Parteiführer Adolf Hitler in München putschten und die Regierung in Berlin für abgesetzt erklärten, wußte der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert keinen anderen Ausweg mehr, als General von Seeckt die vollziehende Gewalt im ganzen Reich zu übertragen.

Einige hohe Offiziere waren enttäuscht, als Seeckt nach ein paar Monaten seine diktatorischen Vollmachten an Ebert zurückgab. Zwar hatte er selber mit dem Gedanken geliebäugelt, sich zum Diktator erheben zu lassen, doch war er zu vorsichtig und zu anständig, sich zum Staate illoyal zu verhalten. Indes nutzte er den Vorteil, Mitte November 1923 nicht erst Wehrminister Otto Geßler fragen zu müssen, als er die Mobilmachungsvorarbeiten und die Bestandsaufnahmen für ein kriegsverwendungsfähiges Großes Heer vorantrieb. Das ganze Jahr 1924 sammelten die Rechercheure des Truppenamts in den Wehrkreisen Unterlagen über den Bedarf an Personal, Waffen, Munition und Kriegsgerät aller Art - sozusagen bis zur letzten Brieftaube und zum letzten Gamaschenknopf. Sie wollten sogar wissen, ob man nicht, um Kosten zu sparen, die Feldküchen durch Kochapparate und Kochkisten (!)

ersetzen solle. Die Ergebnisse wurden peinlich genau berechnet, korrigiert und ergänzt.

Für den 4. April 1925 schließlich lud Oberst Erich von Bonin, Leiter der Organisationsabteilung (T 2), die Arbeitsgemeinschaften "dringlich" zu einem Vortrag des Hauptmanns Behschnitt ein. Schon das Thema, "Die organisatorische Lage für eine personelle Heeresverstärkung vom Jahre 1931 ab", deutete auf eine entscheidende Änderung hin.

General von Seeckt und die Rüstungsenthusiasten im Truppenamt hatten inzwischen erkannt, daß der Aufbau einer großen Wehrmacht etwa acht bis zehn Jahre dauern würde.

Allein die drückenden Reparationslasten ließen nicht zu, dem Heer die anfänglich nötigen drei- bis vierfach höheren Finanzmittel zu bewilligen. Vielmehr mußte die Reichswehr die nächsten drei Jahre um ihre finanzielle Existenz kämpfen.

Dazu trat eine andere Sorge, die Hauptmann Behschnitt in seiner nüchternen Bilanz nicht verhehlte: Vom Jahre 1931 an konnte die Reichswehr nicht mehr auf die ausgebildeten Männer des Weltkriegsheeres zurückgreifen. Die jüngsten Frontkämpfer waren dann dreißig Jahre alt und hatten seit zwölf Jahren kein Gewehr mehr in der Hand gehabt. Ins Gefecht konnte man sie nicht mehr schicken. Allerdings waren viele der Älteren für den Grenzschutz, den Luftschutz, in den Behörden und vor allem in der Kriegswirtschaft noch lange zu gebrauchen. Es mangelte der Reichswehr erheblich an Führern, Spezialisten und Lehrpersonal, um 2,8 Millionen ungediente Heranwachsende auszubilden. Es sei denn, daß "dem Beginn des Krieges eine hinreichend lange Rüstungszeit vorangeht, innerhalb derer ohne Rücksicht auf die Bindungen des Versailler Diktats das erforderliche Personal vor Beginn der allgemeinen Ausbildung herangebildet werden kann".

Behschnitt und seine Kameraden hatten bereits ein Ersatzmodell zur Hand und den Personalbedarf für ein sogenanntes 21-Divisionen-Heer samt Luftschutz und Heeres-Luftwaffe errechnet - immerhin noch 1,067 Millionen. Dieses "Notheer" wird die nächsten Jahre wie ein Schiff unter falscher Flagge durch die Rüstungsplanungen (und noch heute durch die Literatur) geistern. Und niemand wunderte sich, wieso 21 Divisionen zu je 12 000 Mann 1 bis 1,3 Millionen Soldaten ergeben.

Zugrunde gelegt wurde diesem Übergangsmodell ein simples Rüstungsschema mit der Primzahl 7, das Seeckt erfunden hatte. Ihm schwebte ein Aufbau in drei Stufen vor: Phase I von 7 auf 21 Divisionen, Phase II von 21 auf 42 und Phase III von 42 auf 63 (wobei sich jede Phase nochmals unterteilen ließ). Je nach Lage der Dinge konnte die Führung auf Mini oder Maxi schalten. Dirks: "Man hatte für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel ein Schubladen-Programm parat und konnte auf Knopfdruck loslegen, sobald grünes Licht vom Kabinett oder vom Wehrminister kam oder soweit der Finanzminister mit dem Reichsbankpräsidenten ein veritables Wechsel-Kredit-Programm für Ausrüstungsbeschaffung spendierte, wie es dann im Frühjahr 1933 geschah." Bei all dieser Tüftelei hat die Generalität, was Historiker gelegentlich übersehen, nie das Fernziel des Großen Heeres aus den Augen verloren. Der Rahmen dafür war 1925 gezimmert worden: Man brauchte ihn nur auszufüllen.

Wie man den Lauf der Dinge beschleunigen konnte, hatte Hauptmann Behschnitt im April in seinem Vortrag erwähnt: "Nur wenn es der Politik gelingt, Zeit und Handlungsfreiheit für den Übergang vom 100 000-Mann-Söldnerheer eines nicht wehrhaften Volkes in das 3-Millionen-Heer einer bewaffneten Nation zu schaffen", sei ein Erfolg möglich. Doch darüber mußten wohl die Abteilungsleiter im Truppenamt selber nachdenken.

Am 18. Mai 1925 geht im Generalstab eine Denkschrift in den Umlauf, deren Vorschläge laut Behschnitt "ein sensationeller Fortschritt sondergleichen" gewesen seien. Sie trägt die verschlüsselte Überschrift "Vorschlag zu Alexander 872 Ui pers." und stammt "von einer damals schon maßgebenden und entscheidenden Persönlichkeit", deren Namen Behschnitt selbst 1960 noch nicht nennen mochte, vielleicht weil der Autor noch unten den Lebenden weilte. Man darf spekulieren.

Zu den herausragenden Offizieren im Truppenamt zählte seinerzeit der Leiter der Heeresabteilung (T 1), Oberstleutnant Joachim von Stülpnagel (gestorben 1968), im Ersten Weltkrieg unter Ludendorff Chef der Operationsabteilung, ein ideenreicher, glanzvoller und ehrgeiziger Mann, der nach Höherem strebte. Außer ihm käme als Verfasser der Denkschrift aber auch sein Freund und mehrjähriger Mitarbeiter in Frage: Oberstleutnant Kurt von Schleicher, sicherlich der politisch begabteste Militär der Reichswehr, welcher 1932 der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik sein wird.

Hatte Seeckt noch im Frühjahr 1924, wohl schon ein wenig amtsmüde, öffentlich erklärt, die Reichswehr werde sich künftig nur noch ihren militärischen Aufgaben widmen, so erklingen in der "Alexander"-Denkschrift von 1925 ganz andere Töne. Dieser Autor will die Regierung antreiben, "sich reale Machtmittel zu schaffen". Zwei erste Schritte fordert er von der Politik: erstens einen Reichsverteidigungsrat zweitens einen befristeten Rüstungsplan "und auf Grund dessen planmäßige Aufrüstung der körperlichen, geistigen, materiellen und militärischen Kräfte der Nation". Das Ziel ist klar: die Militarisierung der ganzen Gesellschaft für einen totalen Krieg.

Auch der Termin steht ungefähr fest, zu dem das angeblich nur 21 Divisionen starke Reichsheer verwendungsfähig sein soll: 1935.

Er liegt etwa in der Mitte zwischen zwei wichtigen Zeitpunkten: Von 1931 an werden Ausbilder in der Reichswehr Mangelware sein.

Anderseits wird Frankreich wegen der schwachen Geburtenjahrgänge voraussichtlich zwischen 1935 und 1940 personell und finanziell am schwächsten sein. Hier wird die Voraussage geradezu gespenstisch: 1931 legt die Reichswehr ein von der Regierung abgesegnetes zweites Rüstungsprogramm vor, das die illegale Nachrüstung absichert 1935 verkündet Hitler die allgemeine Wehrpflicht 1940 wird Frankreich von der Wehrmacht besiegt.

Das Militär, darauf besteht der anonyme Autor von 1925, müsse "die treibende Kraft bleiben", soll also den Politikern Beine machen. Selbstbewußt steht über seinen Vorschlägen zur ersten Rüstungsstufe: "Maßnahmen der Regierung auf Betreiben der Wehrmacht".

Punkt eins ist der Reichsverteidigungsrat, in dem alle für die Rüstung wichtigen Ministerien vertreten sind. Und so geschieht es: Am 4. April 1933 erläßt das Kabinett Hitler auf Initiative des Reichswehrministers Werner von Blomberg einen entsprechenden geheimen Beschluß.

Zu den vordersten Programmpunkten zählt auch die "Einstellung des Volkes auf den Wehrgedanken", also das, wofür die Rüstungspropaganda das häßliche Wort "Wehrhaftmachung" erfunden hat, eine "Aufrüstung der Köpfe und Körper"! Bei Behschnitt heißt es: "körperliche und sittliche Ertüchtigung des Volkes". An vielen Garnisonsorten werden nun Sporthallen und -stadien gebaut, unter irreführenden Namen, denn die Reichswehr durfte keine Schulen halten.

Ein weiterer Punkt: Industrie, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe sollen sofort auf ihre Aufgaben während der Rüstungszeit und im Kriege vorbereitet werden. Dazu war am 26. November 1924 bereits eine Vorentscheidung gefallen: General Ludwig Wurtzbacher, der Chef des Heereswaffenamtes, betraute seinen Nachschubstab mit der Leitung aller Vorarbeiten für eine wirtschaftliche Mobilmachung.

Zielbewußt wurde eine Wehrwirtschaftsorganisation aufgebaut, auf die dann das "Dritte Reich" zurückgreifen konnte. Wirtschaftsoffiziere erkundeten die Geneigtheit und die Möglichkeiten der deutschen Industrie, bei der Aufrüstung mitzumachen. Ihrer streng geheimen Arbeit (kein Schriftverkehr!) war es zu verdanken, daß 1933 schlagartig Massen moderner Ausrüstung an das Heer geliefert werden konnten.

Ein Sonderreferat arbeitete 1926 immer noch daran, in langwierigen Erhebungen den Rohstoff-

bedarf und die Rohstoffdecke für das langfristig geplante Große Heer zu errechnen. Dabei zeigte sich rasch, daß der schon im Ersten Weltkrieg spürbare Rohstoffmangel seit 1919 noch erheblich zugenommen hatte: durch den Verlust der Erzminen in Lothringen und des Kohlereviers in Ostoberschlesien und auch wegen der Besetzung westdeutscher Gebiete. Als eigene Rohstoff- und Produktionsbasis war deshalb nur das "Rumpfdeutschland" zwischen Weser und Oder vorgesehen, da es im Kriegsfalle nicht sofort feindlichem Zugriff offenlag.

Die Autarkiewirtschaft des "Dritten Reiches" wurde hier schon vorweggenommen: So hofften die Generalstäbler auf synthetischen Kautschuk (Buna), Benzin und Schmieröle aus Kohle, Kunstfasern bei Textilien. Manchmal überzogen die befragten Heeresdienststellen ihre Forderungen bei weitem: Beim Kupfer wurde der Bedarf auf 950 000 Tonnen beziffert, mehr als die gesamte Weltkupferproduktion eines Jahres!

Was den Aufrüstern am schnellsten gelang, war die Organisationsplanung für die (verbotene) Mobilmachung, wobei sie, nach dem Schock der Ruhrbesetzung, endlich auch mit staatlicher Unterstützung rechnen durften. Seit dem 1. November 1925 konnte die Mobilmachung im Reich jederzeit über den Landesschutz sofort zentral gelenkt werden.

Hierfür standen in den Wehrkreisen ehemalige Frontoffiziere, sogenannte Kreisräte, bereit, zumeist Leute von rechts.

General von Seeckt hatte öfter gewarnt, die gefährlichste Zeit bei der geheimen Aufrüstung werde die Übergangsperiode sein, wenn die Reichswehr umbaue und neue Streitkräfte ausbilde. Zu leicht hätte Frankreich abermals mit seiner Übermacht ins Reichsgebiet eindringen können. Für diesen Fall entwirft besagter Oberst von Stülpnagel eine neue Strategie: den "Krieg der Zukunft", eine Kampfweise, "die auch dem Schwachen den Sieg ermöglicht". Sie soll Deutschland vom französischen Joch befreien.

Seine Gedanken, die er im Februar 1924 zum erstenmal einem größeren Kreis von Offizieren vortrug, wurden in den kommenden Jahren in vielen Kriegsspielen und Übungen geprobt und geprüft. Seeckt hatte die Leitgedanken genehmigt - dies gilt es festzuhalten, da Stülpnagel in der Literatur als scharfer Kritiker des Heereschefs, ja als "Frondeur" figuriert. An die Stelle der Vernichtungsstrategie, wie sie seit dem Grafen Schlieffen im deutschen Generalstab als Tradition hochgehalten wurde, setzte Stülpnagel eine Ermattungsstrategie.

Was ihm vorschwebte, war der Kleine Krieg, also ein Guerillakrieg, ähnlich wie er Jahrzehnte später in Vietnam und in Afghanistan mit Erfolg praktiziert worden ist.

Manchmal scheint es, als hätte der Oberst die Revanche herbeigesehnt, ja, den französischen Präventivkrieg provozieren wollen. Der Feind "mit seiner ungeheuerlichen Masse von schweren Kanonen, Tanks und Fliegergeschwadern" sollte auf einen unsichtbaren Gegner stoßen.

Kleine Stoßtrupps, MG-Nester und verdeckte Stützpunkte würden ihn zwingen, sich durch das ganze deutsche Gebiet durchzufressen, so lange, bis er moralisch und materiell allmählich geschwächt sei. In diesem Moment sollten größere deutsche Verbände, die sich im Hinterland gesammelt hatten, dem Feind überraschend in die Flanken fahren und ihn vernichtend schlagen. Unterstützt wissen wollte Stülpnagel diese Strategie des Zeitgewinns durch eine "Volkserhebung" in den französisch besetzten Gebieten.

Der Plan Stülpnagels bestach durch eine seltene Mischung von kriegsrevolutionärer Romantik a la 1813 und illusionslosem Realismus. Im nachhinein erschrickt man über den menschenverachtenden Fanatismus, mit dem er das Volk in einen "Befreiungskrieg" treiben will, bei dem das ganze Reichsgebiet Kriegsschauplatz ist und hohe Verluste der Zivilbevölkerung einkalkuliert werden. Selbst die Strategie der Verbrannten Erde verschmäht er nicht - im Jahre 1930 legt die Reichswehr "Zerstörungskarten" für das ganze Reichsgebiet an.

Als Rückhaltlinien der Reichswehr wurden das Heilsberger Dreieck in Ostpreußen, die Oder(-Neiße)-Linie und die Weser-Fulda-Linie gewählt, auf die man sich 1945, in den letzten selbstmörderischen Wochen des Krieges, wiederbesinnen wird.

Unbekümmert erhebt Stülpnagel den Terror zum Kampfesmittel und zitiert dazu, wie es deutsche Militärs in solchen Fällen gern taten, einen ungenannten englischen Offizier: "Hemmungen irgendwelcher Art darf es nicht geben . . . Die Meinung der Welt gilt wenig, wenn die Befreiung winkt." So kommt Stülpnagel zu der erschreckenden Aussage: "Ein auf das Äußerste zu steigernder nationaler Haß darf vor keinem Mittel der Sabotage, des Mordes und der Verseuchung zurückschrecken." Und komplettiert sie: "Gas und Rauch, Bakterien, mechanischer Zug, elektrische Fernlenkung und -zündung, Aviatik."

Auffällig ist der Appell an die moralischen Kräfte, mit denen der Oberst die materielle Überlegenheit des Feindes ausgleichen will. Die Parole "Moral gegen Technik" scheint dazumal verbreitet gewesen zu sein. Auch Hauptmann Behschnitt setzt auf die "Güte und Leistungsfähigkeit der Truppe". Selbst in einem Reichswehr-Bilderbuch der Zigarettenindustrie findet man 1933 das Wort vom Sieg des stärkeren menschlichen Willens. Mit solchen Sprüchen hat man 1945 Kinder und Greise ins Feld geschickt.

Doch nicht die Reichswehr war es, die Mitte der zwanziger Jahre den Weg zum Wiederaufstieg der deutschen Großmacht ebnete, sondern die von Seeckt und den Rechten bekämpfte Verständigungspolitik des Reichsaußenministers Gustav Stresemann. Indem er im Vertrag von Locarno 1925 einer internationalen Garantie der Westgrenzen von 1919 zustimmte und auf Elsaß-Lothringen verzichtete, brachte er die Franzosen dazu, das Ruhrgebiet und vorzeitig das Rheinland zu räumen. Stresemann schaffte auch die erste Voraussetzung für die von allen Parteien angestrebte Revision des Versailler Friedensvertrages: die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, wo es sogar einen ständigen Sitz im Rat erhielt. Die Gefahr eines neuen Zweifrontenkrieges schien gebannt.

Mehrere Ereignisse begünstigten 1926/27 die Absichten der Reichswehrführung, in der geheimen Aufrüstung mit der politischen Spitze enger zusammenzuarbeiten.

General von Seeckt mußte 1926 gehen, weil er seine Mißachtung der Politiker zu deutlich gezeigt hatte. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann brachte Reichswehr und Rüstungsindustrie wegen ihres Techtelmechtels mit der Sowjetunion ins Gerede. Als ruchbar wurde, Kapitän Walter Lohmann von der Seetransportabteilung habe bei Spekulationen mit Geldern aus einem geheimen Rüstungsfonds des Reiches 26 Millionen Mark verloren, mußte auch Wehrminister Geßler seinen Hut nehmen.

Zuvor hatte der neue Chef der Heeresleitung, Generalleutnant Wilhelm Heye, der Reichsregierung reinen Wein eingeschenkt: In versteckten Depots lagerten 350 000 Gewehre, 12 000 Maschinengewehre, 400 Minenwerfer und 675 Geschütze! Da die Mitte-rechts-Regierung ebensowenig wie Stresemann gegen eine vorsichtige Nachrüstung (vor allem beim Grenzschutz im Osten) etwas einzuwenden hatte, übernahm das Reich die Verantwortung für diese Bestände. Der Reichswehr war es nur lieb, daß sie nicht länger von Spenden der Industrie oder der Großgrundbesitzer abhängig war.

Hatte bislang das Militär hinter dem Rücken der Regierung aufgerüstet, so tat sie es jetzt hinter dem Rücken des Parlaments. Künftig gab es zwei oder noch mehr Etatansätze für die Reichswehr. Die Parlamentarier bekamen als Mogelpackung einen weißen Etat vorgelegt, aus dem man vorher blaue (Heer), rote (Marine) und gelbe (Fliegertruppe) Etats herausgeschnitten hatte. Diese gesetzwidrigen Ausgaben wurden von einem Staatssekretärsausschuß überprüft.

Unter den Fittichen des Generals Heye konnte nun als Generalstabschef (1927 bis 1929) ein Mann seine Talente entfalten, der für die künftige Aufrüstung bedeutsam sein wird: der Pour-le-mérite-Träger Werner von Blomberg, einer der vielversprechenden Offiziere im Seecktschen Führer- und Qualitätsheer, aufgeschlossen für neue Ideen und moderne Technik, entschlußfreudig, emphatisch und welterfahren.

Er läßt seine Abteilungen im Truppenamt in monatelanger Vorarbeit das erste Rüstungsprogramm auf die Hellinge legen, das dann Heye im September 1928 vom Stapel läßt. Dieser Fünfjahresplan sollte den Nachschub eines 16-Divisionen-A-Heeres für möglichst sechs Wochen sicherstellen.

Der Reedereikaufmann Dirks, der selber als langjähriger Planungschef einer Reedereigruppe Großaufträge geplant hat, ist fasziniert von der Präzision und Gründlichkeit dieser Programme, bei denen, wie in einem Uhrwerk, eins ins andere greift. Anderseits durchschaut er das Zahlengerüst der Militärs, da er es wie eine Bilanz liest.

Die sechzehn Divisionen hält er für einen Etikettenschwindel, denn neben den Felddivisionen sollten Grenzschutzdivisionen, wenn auch mit verringerter Kampfkraft, aufgestellt werden. Allein mit den 350 000 Gewehren ließen sich je 9000 Grenzsoldaten in 39 Divisionsverbänden ausstatten.

Verwirrung stiften sollte der Gebrauch des großen "A", was alles mögliche heißen konnte: Aufstellung, Ausbildung, Ausrüstung, Aufbau, Alarm, und so weiter. Gemeint war stets das Ausmaß der illegalen Mobilmachung von Zeitfreiwilligen und Reservisten. (Die Marine, die ebenfalls heimlich rüstete, sprach vom V-Fall, V = Verstärkung.)

Infolge der Wirtschaftskrise hat die Reichswehr nicht alle Ziele des ersten Programms erreicht immerhin stellte der Staat zunächst etwa achtzig Millionen Mark jährlich für den geheimen Sektor bereit.

Die Rüstungsvorhaben der Reichswehr bekamen Aufwind, als der ehemalige württembergische General Wilhelm Groener im Januar 1928 neuer Reichswehrminister wurde. Groener, letzter Generalquartiermeister des Ersten Weltkrieges an der Seite Hindenburgs, hatte im November 1918 mit dem sozialdemokratischen Reichskanzler Friedrich Ebert das berühmte antirevolutionäre Bündnis zwischen Heer und Republik geschlossen. Organisatorisch begabt und erfahren in der Kriegswirtschaft, ohne Berührungsangst vor Parlamentariern und Gewerkschaftern, war dieser Pragmatiker und Vernunftrepublikaner der richtige Mann am richtigen Platz.

Natürlich wollte auch Groener Deutschland wieder stark machen.

Im Winter 1918/19 hatte er im kleinen Kreise sinniert, wenn man noch einmal um die Weltherrschaft kämpfen wolle, müsse man dies von langer Hand mit rücksichtsloser Konsequenz vorbereiten. In seiner Weisung über "Die Aufgaben der Wehrmacht" von 1930 steht der Satz, die Reichswehr könne aus freier eigener Entscheidung eingesetzt werden, "wenn eine günstige internationale Konstellation uns das Risiko eines solchen Entschlusses gestattet" er setzte ein jederzeit marschbereites Reichsheer voraus.

Alsbald servierte das Rüstungsmanagement ein zweites Programm, das die Zeitspanne von 1933 bis 1938 überbrücken sollte. Am Anfang des neuen Jahrzehnts ernteten die drei Notverordnungskanzler Brüning, Papen und Schleicher große außenpolitische Erfolge bei ihrem Ringen um eine Revision des Versailler Friedens: Die Reparationszahlungen wurden gestrichen und der deutsche Anspruch auf Gleichberechtigung in der Abrüstungsfrage grundsätzlich von den Westmächten anerkannt.

Reichskanzler Brüning ließ sich von der Idee General Groeners inspirieren, "ein Volksheer von einer militärischen Schlagkraft aufzustellen, wie wir es noch nie vor dem Ersten Weltkrieg besessen hätten".

Im Mai 1931 errechneten die Planer im Truppenamt und im Wehramt auf vielen Seiten detailliert den Geldbedarf für ein A-Heer mit 1 300 000 Mann und 361 000 Pferden. Dirks hält diese geheime Kommandosache für eines der erschreckendsten, aber auch aufschlußreichsten Dokumente aus der Reichswehrzeit. Fast zwei Jahre vor der Berufung Hitlers in die Reichskanzlei wurden die Finanzmittel für ein erstes Kriegsjahr schon grob mit vierzehn Milliarden Mark veranschlagt. Das gab einen Vorgeschmack von der Verschleuderung des Volksvermögens, die im "Dritten Reich" zu erwarten sein würde. Allein die Munitionsimporte aus dem Ausland für die ersten acht Kriegsmonate schlugen mit 1,5 Milliarden Mark zu Buche. Dazurechnen muß man beinahe 900 Millionen für Munition aus deutscher Fertigung und eigenen Beständen, was aufs Jahr rund 3,6 Milliarden Mark ausmachte, die buchstäblich verpulvert werden sollten.

Seit Locarno gab es für die Reichswehr nur noch einen Hauptfeind: Polen. Sowohl in der Generalität als auch im Auswärtigen Amt war man sich damals einig: Polen muß noch einmal geteilt werden. Man wollte nicht nur den Korridor beseitigen, der Ostpreußen wie eine Insel vom Reich trennte, sondern sich mit den Russen an der Grenze von 1914 treffen. Darum war es nichts Ungewöhnliches, als der Chef des Truppenamts, General Wilhelm Adam, im Januar 1933 Führerstabsoffizieren eine operative Aufgabe stellte, in der ein fiktiver polnischer Angriff gegen den deutschen Osten im Mai 1933 angenommen wurde.

Adam, der sich ungeniert als Generalstabschef bezeichnete, ließ Polen (rot) mit 40 bis 46 Großverbänden gegen Deutschland (blau) antreten. Das Reichsheer, gerade in der Umrüstung begriffen, mußte auf dem Papier mit 27 Felddivisionen, 34 schwachen Grenzdivisionen und 3 Kavalleriedivisionen in den Kampf ziehen. Ostpreußen ging fast verloren, und zwei polnische Armeen standen östlich von Berlin, ehe die Deutschen nach 21 Tagen zurückschlugen. Dirks ist überzeugt, daß Adam Panik machen wollte. Denn so konnte er die Unzulänglichkeit eines 64-Divisionen-Heeres aufweisen und neue Bedarfsforderungen an den Chef der Heeresleitung richten.

Übrigens waren in der Bedarfsrechnung von 1931 Bahnaufmarschkosten für 39 Divisionen in Schlesien und Pommern vorgesehen, dazu kamen 8 Divisionen in Ostpreußen. Das ergab schon annähernd die gleiche Zahl der Divisionen, die 1939 gegen Polen antraten (46 plus 8, die in Reserve blieben).

Am 3. Februar 1933 erscheint der neue Reichskanzler Adolf Hitler zum Antrittsbesuch bei der Generalität in der Bendlerstraße. Der Chef der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, stellt den Zivilisten etwas herablassend vor, und Hitler macht linkische Verbeugungen. Doch als er nach dem Essen eine längere Rede hält, ist er in seinem Element. Er verspricht den Generälen all das, was sie sich wünschen: keine Duldung des Pazifismus, Todesstrafe für Landesverrat, Ausrottung des Marxismus, Beseitigung des "Krebsschadens der Demokratie", Wehrertüchtigung der Jugend, Wehrpflicht, vor allem aber "die Wiederherstellung der deutschen Macht". Die Freiheit des Entschlusses habe man erst, wenn "im Geheimen wirtschaftlich und militärisch alle Vorbereitungen hundertprozentig" getroffen worden seien.

Hitler respektiert die Autonomie der Wehrmacht, und er wird ihr die nächsten Jahre nicht ins Handwerk pfuschen: "Nehmen Sie meine politische Hilfe entgegen!" Das Bündnis zwischen Reichswehr und Nationalsozialismus - man spricht jetzt von den "zwei Säulen" des Staates - ist arbeitsteilig: Die Wehrmacht steht für die militärische, die Partei für die geistige Mobilmachung des Volkes ein.

Da die Militärs und auch Hitler in der Vorbereitungszeit immer noch einen französisch-polnischen Überfall fürchteten, war Eile bei der Aufrüstung geboten. In eigener Souveränität, versehen mit einer Kabinettsermächtigung, hat Reichsverteidigungsminister von Blomberg deshalb bereits am 27. Januar 1934 der Wehrmacht insgeheim befohlen, die allgemeine Wehrpflicht vorzubereiten.

Mit dem Wehrgesetz vom 16. März 1935 wurde sie offiziell verkündet: Das Reich negierte die militärischen Artikel des Versailler Friedensvertrages und nahm sich seine Wehrhoheit zurück. Die geheime Aufrüstung hatte ein Ende.

Gleichzeitig überraschte Hitler die Weltöffentlichkeit mit der Nachricht, das deutsche Friedensheer werde 36 Divisionen stark sein. Diese Zahl hatte ihm sein Wehrmachtadjutant Friedrich Hoßbach gesteckt, der wußte, was sich Heerführer Werner von Fritsch und Generalstabschef Ludwig Beck vorstellten. Als Begründung mußte der Beschluß der französischen Regierung herhalten, die zweijährige Dienstpflicht einzuführen.

Tatsächlich stand der Rahmen für ein (vorerst) 36-Divisionen-Heer längst fest. Nach dem 2. Rüstungsprogramm Groeners und seines Nachfolgers Kurt von Schleicher, das von Blomberg fortgesetzt wurde, sollten "21 Divisionen" bis 1938 stehen. Gemäß der Seecktschen Zellteilung hatte man jedoch in jede der neuen 21 Divisionen je Regiment ein viertes oder fünftes Bataillon eingebaut, so daß man auch ohne Grenzschutz mindestens 35 Infanteriedivisionen beisammenhatte.

Recht besehen, waren sogar 46 Divisionen anvisiert, denn 56 000 Angehörige der Landespolizeien waren inzwischen ins Heer, ein Regiment in Hermann Görings Luftwaffe eingetreten. Dazu kamen drei motorisierte Divisionen und drei Panzerverbände. Im Generalstab war man aber, wie das Kriegsspiel General Adams zeigt, in Gedanken viel weiter - bei einem 63-Divisionen-Heer. Auch dies eine Minimalforderung, da solch ein "Risikoheer" einen Verteidigungskrieg an mehreren Fronten allenfalls "mit einiger Aussicht auf Erfolg" erlaubte.

Anderthalb Jahre später, im Dezember 1936, wird das Tempo der Aufrüstung noch einmal beschleunigt. Der Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland - unter Bruch des Locarno-Vertrages!

- hat die strategische Lage in Europa umgestülpt. Wohlgemerkt: Die Besetzung war kein Nazicoup, sondern geschah auf Drängen der Militärs. Doch nun drohten internationale Verwicklungen, zum Beispiel wegen der russisch-französischen Annäherung und des tschechoslowakischen Bündnisses mit Moskau. Also befindet die Heeresführung, es sei an der Zeit, aus dem Defensivheer ein Offensivheer zu machen.

Dazu General von Fritsch im August 1937: "Solange die Ziele eines deutschen Sieges nur in Ost-Eroberungen liegen können, wird auch nur das Heer, durch Eroberung im Osten, durch Halten im Westen, die letzte Entscheidung bringen."

Bis 1940 sollte ein Feldheer von 2,4 Millionen Mann in mobilisierten 102 Divisionen bereitstehen. Da Hitler wegen der Sudetenkrise den Endtermin um ein Jahr vorgezogen hatte, waren diese Divisionen bereits im Morgengrauen des 1. September 1939 verfügbar - sogar noch 400 000 Mann mehr als vorgesehen!

Der Generalstab war also 1936/37 endlich bei dem Großen Heer angekommen, das er seit 1925 geplant hatte. Nun begann, wie es Freiburger Militärhistoriker schon 1979 feststellten, eine von allen Hemmungen befreite "zügellose Aufrüstung". Zwar warnten einige hohe Offiziere vor den Konsequenzen: Nach Erreichen des Zieles Anfang der vierziger Jahre würde man entweder eine Wirtschaftskrise riskieren (mit unabsehbaren Folgen für das Naziregime) oder aber wirklich Krieg führen müssen. Die Aufrüster hatten sich in ihrer eigenen Falle gefangen. Ein Zurück gab es für sie nicht mehr, weil man sonst beim Wettrüsten nur zu rasch den Vorsprung eingebüßt hätte.

Da die Industrie mit den gesteigerten Forderungen von Heer, Marine und Luftwaffe nicht Schritt halten konnte, setzte ein rücksichtsloser Verteilungskampf zwischen den Wehrmachtteilen ein. Im "Friedensjahr" 1937 forderte Reichskriegsminister von Blomberg allein an Eisen und Stahl sechs Millionen Tonnen. Die Stahlknappheit drohte zeitweise den Terminplan durcheinanderzubringen. Von den eingeplanten 496 Mörsern vom Kaliber 21 Zentimeter hatte das Heer bei Kriegsbeginn gerade mal 22 bis 23, ja, sie waren, wie Dirks herausfand, noch nicht einmal im Juni 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion fertig.

Das "Endziel" - man hatte in jenen Tagen eine merkwürdige Vorliebe für die Vorsilbe "End": Endsieg, Endlösung . . . - wurde am 29.

März 1938 (nach dem Anschluß Österreichs) auf 102 Divisionen plus 15 sogenannte Gerätedivisionen (Ersatzausrüstungen) festgesetzt.

Für drei Monate mußte der Vorrat an Waffen und Gerät gesichert sein bei Munition war eine Menge nötig, die für eine Erstausstattung plus dreißig Kampftage reichte.

Unbekümmert forderte Generaloberst Walther von Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, im Etatjahr 1939 Haushalts- und Betriebsmittel in Höhe von 23 Milliarden Mark. Jeder Sinn für Maßhalten und Möglichkeiten ging verloren. In seiner Reichstagsrede vom 1. September 1939 prahlte Hitler, er habe seit 1933 neunzig Milliarden Mark für den Aufbau der Wehrmacht aufgebracht. Nach 1945 hielten manche diese Zahl für eine der üblichen Übertreibungen. Doch Dirks meint, Hitler habe quasi mit der Wahrheit gelogen, denn er allein hatte den Gesamtüberblick.

Fest steht seit dem Nürnberger Prozeß, daß die Wehrmacht - nach 6 Milliarden Mark für das Etatjahr 1933/34 - von 1935 bis 1939 einschließlich direkt 57,5 Milliarden Mark verbraucht hat. Davon gingen allein über 19 Milliarden an die Luftwaffe. Da aber deren Oberbefehlshaber, Feldmarschall Hermann Göring, zugleich Leiter des Vierjahresplans für die wirtschaftliche Aufrüstung, seit 1938 öfter gesagt hat, Geld spiele nicht länger die Hauptrolle, nimmt Dirks an, Göring könnte sich vielleicht 24 bis 28 Milliarden zugeschanzt haben. Dazurechnen muß man je fünf Milliarden für den Westwall, die Buna-Produktion und die Autobahnen, ferner größere Summen für verborgene Munitionsfabriken, für Waffendepots und für Öllager der Marine, für Post und Bahn, SA und Wehrverbände, Polizei und Waffen-SS.

Im Herbst 1938 trat wegen dreifacher Erhöhung der Rüstungskosten im Reich eine akute Finanzkrise auf. Sie konnte kurzfristig nur dadurch überbrückt werden, daß man nach den Pogromen der "Reichskristallnacht" den deutschen Juden eine Milliarde Mark Sühnegeld auferlegte und außerdem fünf Milliarden Reichsgewinne durch die Arisierung jüdischer Vermögen kassierte. Insgesamt betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand 1938 mehr als 51 Milliarden! Sie dürften sich bis zum Kriegsbeginn um nicht weniger als weitere 20 Milliarden erhöht haben. Damit standen jedem Bürger, laut Dirks, mitsamt den Säuglingen des Landes, nahezu 1000 Reichsmark oder nach dem Stande von 1997 etwa 25 000 D-Mark Staatsschulden ins Haus.

Letztlich aber hat das Schuldenmachen weder die Militärs noch die Ministerialbeamten im Finanzministerium sonderlich berührt, hofften doch alle auf künftige "Einnahmen" nach dem siegreichen Krieg. Im Kriegsjahr 1942 mokierte sich Hitler über seine Finanzexperten, die ihm schon bei geringeren Beträgen den Staatsbankrott prophezeit hätten inzwischen seien 150 Milliarden verbraucht und der Staat immer noch nicht bankrott. "Doch das Volk", so Dirks, "war praktisch enteignet, alle Sparguthaben, alle Altersversicherungsguthaben waren geplündert."

Am 29. November 1939 hielt der Wehrwirtschaftsgeneral Georg Thomas, ein hochangesehener Fachmann, vor der Reichsgruppe Industrie einen Vortrag. Thomas hatte 1928 als Major die Aufrüstung mit auf den Weg gebracht. Nun stand man am Anfang des so lange geplanten Krieges. Für das deutsche Volk gehe es, so der Schreibtischtäter Thomas, um Leben und Sterben. "Wir aber wollen leben, und daher müssen wir siegen."

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    • Von Karl-Heinz Janssen
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 11/1997
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