: Nichts ist, wie es war

Eindrücke aus Dunblane, ein Jahr nach dem Massaker

Der Wind ist eisig wie im vergangenen Jahr. Das moorbraune Wasser der Allan tost unter der hoch aufragenden alten Kathedrale durch ihr enges Bett. Unter dem Ufergebüsch blühen die ersten Schneeglöckchen.

Märzanfang in Dunblane. Am 13. März jährt sich der Tag, an dem der selbsternannte Jugendführer Thomas Hamilton in der Kleinstadt am Rand des schottischen Hochlands wie ein die Unschuld strafender Scharfrichter in die Turnhalle der Grundschule eindrang, sechzehn Kinder und eine Lehrerin erschoß und danach seinem eigenen Leben ein Ende machte.

Über der Schule, einem architektonischen Mißgeschick der siebziger Jahre auf dem gegenüberliegenden Flußufer, hängt das schreckliche Verbrechen wie beklommene Gegenwart. Videokameras, auf einen Turm montiert, überwachen das Gelände.

Es ist Pausenzeit. Die Kinder schreien und toben, wie Kinder auf jedem Pausenhof. Aber ihre Ausgelassenheit ist auf ein kleines Areal beschränkt, das mit Gittern abgegrenzt und von aufmerksamen Augen beobachtet wird. Zwischen dem Schulgebäude und zwei Baracken, dort, wo die Turnhalle stand, sieht man jetzt einen leeren Platz.

Die Spitzen junger Bäume lugen über den Rand der Böschung. Die Turnhalle wurde drei Wochen nach der Tat abgerissen. Eine gleichsam rituelle Läuterung, die helfen sollte, den Weg zurück in den Alltag zu ebnen.

Im Eingang des Schulgebäudes ist ein Wächter in Uniform postiert.

Er verständigt sogleich die Polizei, als er eine ihm unbekannte Gestalt auf dem Bildschirm beobachtet, die, Orientierung suchend, die Auffahrt heraufkommt. Meine Bitte, den am Tatort eingerichteten provisorischen Gedenkgarten zu besuchen, weist er barsch ab. Als wünschte ich, die Schwelle in das Allerheiligste zu übertreten.