Die Natur klont alle Tage
Doch dem Menschen sind enge Grenzen beim Eingriff ins Erbgut zu setzen
Der Erfolg eines Experiments - und seine zwei Gesichter: In Schottland wurde der Zellkern eines erwachsenen Schafes in die vorher entkernte Eizelle eines anderen Schafes eingeimpft, die mit neuer Erbinformation versehene Eizelle dann von einem Leihmutterschaf ausgetragen. Die einen feierten die Tat als sensationellen Durchbruch der Biotechnologie, die anderen beklagten sie mit weinerlichen Kommentaren als einen weiteren Anfall von Machbarkeitswahn in der neuesten Biologie. Das Lamm sei die Kopie seiner Mutter, mit den gleichen Genen versehen, ein Klon, und da es vom Schaf zum Menschen für viele offenbar nur ein kleiner Schritt ist, drohe uns der geklonte Hitler. Selbst EU-Abgeordneten fällt als erster Kommentar nur ein, von geklonten Menschen und Organersatzteillagern zu phantasieren.
Da möchte man zunächst einmal die Fakten und ihre Interpretation sortieren, um erst dann festzustellen, wo und auf welcher Grundlage die Gesellschaft Regeln setzen muß - konzentriert allerdings auf das Thema "Klonen", anstatt Genmanipulation, Organhandel, BSE, Embryonenkonservierung, prädiktive Diagnostik, Genpatentierung und was sonst noch alles in einen Brei zu verrühren.
Zuerst einmal: Klonen ist keine faustische Phantasmagorie, sondern eine weitverbreitete Form der spontanen Vermehrung von Lebewesen, nämlich die ungeschlechtliche. Sie ist bei einzelligen Organismen und bei Pflanzen ein normaler Vorgang. Das griechische Wort Klon heißt Schößling oder Sprößling, der Gärtner spricht von Steckling oder Setzling, und ungeschlechtliche Fortpflanzung wechselt in diesen Bereichen mit der sexuellen je nach Umständen und Bedingungen. Auch im Tierreich gibt es, allerdings seltener, die spontane Entwicklung aus einer unbefruchteten Eizelle eines weiblichen Tiers, ebenfalls als genetisch identische Kopie.
Die Klonierung wird in Landwirtschaft und Gärungstechnik seit Jahrtausenden angewandt, bei Tieren seit über hundert Jahren, seit Wilhelm Roux (in Breslau) und Hans Driesch (damals in Neapel) mit der "Entwicklungsmechanik" unbefruchteter und befruchteter Eizellen experimentierten. Bei Säugetieren ist Klonieren seit einigen Jahrzehnten durch Teilung einer befruchteten Eizelle oder Anzüchtung von embryonalen Stammzellen in Muttertieren möglich.
Neu an den schottischen Versuchen ist, daß in einer Säugetier-Eizelle die Information aus den Kernen ausdifferenzierter Zellen abgelesen werden kann. Bislang wurde vermutet, daß der Zugang zum DNA-Speicher jenseits des Stammzellstadiums prinzipiell verriegelt sei. Ob die hier als möglich gezeigte Technik irgendwie von praktischer Bedeutung in der Tierzucht sein wird, ist höchst fraglich, denn die genetische Information ist bei "erwachsenen" Säugerzellen durch zahlreiche Kopierung und ständige schädigende Einwirkung in der Regel verdorben. Ein im reifen Alter aus einer seiner Zellen geklonter Einstein würde kein zweites Genie werden, sondern ein mit Hunderttausenden DNA-Fehlern behafteter sehr alter und sehr kranker Mensch, falls diese perverse Zeugung überhaupt jemals gelingen könnte.
Bei der immer wieder aufbrausenden Debatte um die Fertilitätsmedizin fällt das mechanistische Strickmuster der Argumente für und wider auf. Die Definition des Menschlichen (und des Schutzes der Menschenwürde) beispielsweise ausgerechnet am Vollzug der DNA-Paarung von Samenund Eizelle festzumachen (das sagt das Embryonenschutzgesetz ebenso wie die Kirche) bedeutet die bruchlose Gleichsetzung von genomischer mit menschlicher Individualität - ein extrem vorgeschobenes biologistisches Kriterium, das zudem noch durch die Möglichkeit der Bildung eineiiger Zwillinge (also individueller Menschen mit je eigener Würde, wiewohl biologisch "Klone") noch Tage nach der Kernverschmelzung widerlegt wird.




