Das Ziel von Frankreichs Umweltministerin ist klar."Es ist Zeit, für mehr Transparenz im Nuklearbereich zu sorgen", fordert Corinne Lepage seit ihrem Amtsantritt vor zwanzig Monaten.In einem Land, in dem der staatliche Strommonopolist Electricité de France (EDF) fern von wirklicher parlamentarischer und juristischer Kontrolle 55 Reaktoren bauen konnte, ist das allerdings leichter gesagt als getan.Jüngster Beweis dafür ist der Streit zwischen der parteilosen Rechtsanwältin und Industrieminister F ranck Borotra um die Zukunft des schnellen Brüters Superphénix, an dem neben EDF auch europäische Energieversorger wie der Essener Stromkonzern RWE beteiligt sind. Auslöser des Zanks ist eine Entscheidung von Frankreichs höchstem Verwaltungsgericht.Nach jahrelangen Pannenserien hatte die Regierung den Großmeiler am Rh'neufer bei Lyon 1994 per Dekret wieder in Betrieb genommen - allerdings nur noch als Großlabor und nicht mehr zur Stromproduktion.Jetzt annullierten die Richter dieses Dekret.Das Genehmigungsverfahren von 1993 habe Superphénix als Stromproduzenten zugelassen und nicht als Labor.Für Borotra, Parteisoldat der gaullistischen RPR-Regierungsformat ion und Vertreter der französischen Atomlobby, reicht eine simple Änderung des Dekrets, um das Problem zu beheben.Superphénix-Kritikerin Lepage hingegen besteht darauf, das gesamte Genehmigungsverfahren zu wiederholen. Nun soll Premierminister Alain Juppé entscheiden. Für beide Regierungsmitglieder steht ihre politische Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.Der Industrieminister befürchtet, daß ein Neuaufrollen der Zulassungsprozedur das Superphénix-Fiasko deutlich macht und zu einer endgültigen Schließung des Reaktors führt.In den siebziger Jahren hatten Frankreichs Nukleartechnokraten im Taumel der weltweiten Brütereuphorie mit dem Meiler "eine Energiereserve, vergleichbar mit denen Saudi-Arabiens" versprochen.Brüter wie Superphénix sollten nicht nur Strom erze ugen, sondern zugleich mehr atomaren Brennstoff, als sie selbst verbrauchen.Doch der Betrieb von Frankreichs nuklearem Perpetuum mobile war so störanfällig, daß nur seine Kosten mit achtzehn Milliarden Mark saudiarabische Dimensionen annahmen.Um ei n Abschalten zu vermeiden, wurde der Geldfresser schließlich einfach zum Forschungslabor für die Vernichtung von Atomabfällen umgewidmet. Mit dieser undurchsichtigen Verlegenheitslösung sieht die Umweltministerin ihr Bemühen gefährdet, der Umweltpolitik durch rechtsstaatlich einwandfreie Entscheidungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Respekt bei Umweltschützern hat sie sich bisher dadurch verschafft, daß sie etwa gegen millionenschwere EDF-Exportinteressen den Bau von Hochspannungsleitungen durch ein Pyrenäental verhinderte. Nur beim Thema Atomkraft beißt sie bislang auf Granit.Die Juristin versucht zum Beispiel, die nuklearen Kontroll- und Sicherheitsinstitute DSIN und IPSN von der allmächtigen staatlichen Atomforschungsbehörde CEA unabhängig zu machen, um so Kontrolleure von Betreibern zu trennen.Dabei scheitert sie am Widerstand Borotras.Da Lepage weder in der Regierung noch in den Parteien eine Hausmacht hat, geht sie jetzt an die Öffentlichkeit und streute im Fall Superphénix Rücktrittsgerüchte. Für die Umweltministerin ist der vermeintliche Laborgebrauch von Superphénix eine Mogelpackung.Der Brüter soll so doch noch als industrieller Stromerzeuger gerettet werden, glaubt sie.Mit gutem Grund.Denn als die Regierung den Meiler zum Labor degradierte, versprach EDF den verärgerten europäischen Partnern zum Ausgleich Gratisstrom im Wert von 1,1 Milliarden Mark - produziert vom angeblichen Forschungslabor Superphénix.