Wer nach Argentinien fährt, kann zur gängigen Reiseliteratur eine kleine Lektüre mitnehmen, die bemerkenswert ist. Sie macht es möglich, noch ein wenig mehr über das Einwandererland am Rio de la Plata und seine Menschen zu erfahren, hinter manche Kulissen und Maskeraden der aktuellen Tagesereignisse zu schauen und authentische Zwischentöne wahrzunehmen. Zu den Büchern im Umkreis des Reisens zählt die essayistische Textsammlung von Alfredo Bauer, einem echten Argentinier, der ganz selbstverständlich anderer Herkunft ist nämlich europäischer.

Manche kennen ihn von seinen österreichischen Feuilletonbeiträgen, von der kürzlich an der Wiener Kammeroper uraufgeführten Oper "Aus allen Blüten Bitternis" über Stefan Zweigs letzte Lebensjahre, zu der er das Libretto schrieb, oder von seinen Kulturbriefen in der Salzburger Zeitschrift Literatur und Kritik.

Alfredo Bauer wurde 1924 in Wien geboren, flüchtete vierzehnjährig mit seinen jüdischen Eltern nach Buenos Aires, ging dort zur Schule, studierte Medizin und arbeitete erst als Kinderarzt, dann als Frauenarzt und Geburtshelfer. Seit den sechziger Jahren schreibt er überwiegend in spanisch, darunter Romane, Erzählungen, eine fünfbändige Familiensaga, Reisebeschreibungen, und er übersetzt literarisch hin und her.

Zwischen diesen beiden Sprachen und Kulturen bewegt sich sein doppelter Blick, der seine Chroniken genannten Texte über argentinische Zustände, Geschichten, Gewohnheiten wie das Mateteetrinken und geschichtliche oder gesellschaftliche Zusammenhänge charakterisiert.

Seine genauen Beobachtungen, etwa "Nach einem Kinobesuch", wobei die Hollywood-Literaturverfilmung des argentinischen Klassikers "Die jüdischen Gauchos" von Alberto Gerchunoff gezeigt wurde, oder die Kapitel "Der Gaucho", "Der Peronismus" und "Jüdische Bevölkerung in Buenos Aires" machen auf wichtige Aspekte der vielschichtigen Wirklichkeit Argentiniens aufmerksam. Ebenso trefflich argentinisch könnte einer seiner Lieblingssätze Kurt Tucholskys sein: "Seid barmherzig. Das Leben ist schon schwer genug!"

Wer so Argentinien erfährt und auch bereist, wird sich überall im weitläufigen Landesinnern und in der labyrinthischen Metropole Buenos Aires gut zurechtfinden.

Alfredo Bauer: