Sie trugen bunte Kostüme, schmückten sich mit Federn, bewaffneten sich mit Lanzen und kletterten die Mauern der hölzernen Festung hinauf. Aber nicht etwa, um irgendwelche Feinde zu bezwingen.

Denn es war ja auch nicht irgendeine Festung. Es war das castello d'amore, die Liebesburg, in der die schönsten Mädchen des Ortes auf die flinksten Burschen warteten, um sie dann mit ihrer Gunst zu belohnen. Frivole Spiele, die im 15. Jahrhundert nicht nur die Galane aus der Umgebung nach Treviso lockten, sondern auch Legenden gebaren. Heutzutage müßte man sich das als ein mediales Spektakel, eine Mixtur aus "Spiel ohne Grenzen", "Tutti Frutti" und "Herzblatt" vorstellen.

Damals waren solche Vergnügungen einfacher und handfester. Alljährlich zum Fasching trieb es die Freier von Treviso zur Eroberung. Die Stadt nördlich von Venedig kam in den Ruf einer Hochburg der Frivolität, was man in aktuellen Geschichtsbüchern kaum niedergeschrieben findet und was auch von den Trevisanern eher zurückhaltend kommentiert wird.

Von der Burg sind längst nicht einmal mehr Ruinen zu sehen. Eine vergessene Anekdote in der Geschichtsschreibung also? Nicht ganz.

Camilla Cederna, in Italien eine hinreichend bekannte Journalistin und Buchautorin, machte sich in ihrer "Reise in die Geheimnisse Italiens" in den achtziger Jahren auf die Suche nach dem lasterhaften Treviso. Einen Anflug von Anzüglichkeit fand sie auch in modernen Zeiten. Zum Beispiel die Geschichte von den seriösen Geschäftsmännern, die sich mit jungen Mädchen vergnügten und die den Grundstoff für den Film "Signore e Signori" von Regisseur Pietro Germi lieferte.

Ein Skandalfilm, heißt es heute. Er erzählt von diversen Affären, unter anderem von einem minderjährigen Mädchen, dessen reifer Verehrer vor dem Richter landete. Eine Art Wiener Reigen im flachen Veneto. Ja ja, es sei schon so, daß das auf wahren Geschichten beruhe, aber geschehe das nicht in jeder anderen Stadt auch, sagen die Leute in Treviso.

Ob nun Treviso eine Stadt der Sinnlichkeit ist oder eben nur jene Geschichten erlebt hat, mit denen sich lebenshungrige Menschen die Zeit vertreiben, das geht auch aus den Notizen der Camilla Cederna nicht ganz klar hervor. "Treviso ist berühmt für seine schönen Frauen", schrieb sie. Dunkelhaarige, grazile, sich elegant bewegende Schönheiten, von ausgeprägt weiblicher Physis fürwahr, aber keinesfalls üppig, so wurden sie von Camilla Cederna gesehen.