Das Schaf ist der Inbegriff eines Wesens, das alles erduldet, alles mit sich machen läßt. Als das Tier, das am frühesten gezähmt wurde, steht es in allen Kulturen, stand es in der ganzen menschlichen Zivilisationsgeschichte bequem bereit als Sinnbild der Reinheit, der Unschuld, der Geduld und der Sanftmut. Es ist das Opfertier schlechthin, das bei Ernten, Geburten, Siegen und allen möglichen Ereignissen und gefährlichen Situationen geschlachtet wurde.

Schon in der Bronzezeit wurden häufig Schafsteile als Grabbeigaben verwendet. Gott befahl Moses, das Blut eines Lammes an die Türpfosten zu streichen als Schutzzeichen bei der geplanten Vernichtung aller Erstgeburten in Ägypten. Wenn auf den zahllosen Bildern des Isaakopfers der Engel dem Vater in den Arm fällt, um ihn vom Opfer des Sohnes abzuhalten, steht immer schon das Lamm bereit, an dessen Stelle zu treten.

Das Lamm war auch in der christlichen Bilderwelt allgegenwärtig es ist das beliebteste Symbol für Christus. Jesaja hatte prophezeit: "Da er gestreift und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut." Johannes der Täufer hatte, als er Christus zuerst sah, ausgerufen: "Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt."

Als Agnus Dei wird das Lamm den kindlichen und den erwachsenen Johannes durch seine überaus reiche Bildkarriere begleiten. Auf Bildern der Anbetung der Hirten wird dem Jesuskind das Lamm dargebracht - als Vorausdeutung auf seinen künftigen Opfertod. In Illustrationen der Apokalypse, so in derjenigen von Luthers Verehrer Albrecht Dürer, erscheint das Lamm Gottes häufig am Himmel in einer Gloriole und läßt willig das Blut aus der Seitenwunde in den Kelch der Kirche strömen. So wird es auch in der Mitteltafel des berühmten Genter Altars des Jan van Eyck von allen Heiligen, die aus allen Ländern herbeiströmen, auf dem Altar mitten in der Landschaft angebetet. Es kann auch mit dem rechten Fuß, wie bei Luther, die Kreuzesfahne als Zeichen eines letztendlichen Sieges der Wahrheit hochhalten.

Auf unerklärliche Weise weckt das Schaf auch Phantasien einer repetitiven Vermehrung und Reproduktion des Immergleichen. Wenn am Himmel die sonst so charaktervollen Wolken sich zu kleinen Massenwolken formieren, dann spricht der Volksmund von Lämmerwolken und im Angesicht von wogenden Kornfeldern von ziehenden Schafen.

Die Verdammtheit des "schwarzen Schafes" bestätigt diese Vorstellung von der willenlosen Folgsamkeit der Schafsmasse. Die Volkskundler berichten, daß man im Volke glaubte, es bedeute Unglück für Wöchnerinnen, wenn am Tag der Unschuldigen Kinder, am 28. Dezember, Lämmerwolken am Himmel erscheinen, während ansonsten das gleiche Naturphänomen den Glaube an die "Wachstumskraft" des Schafes nährte.

Christus hat sich als Guten Hirten bezeichnet, als der er schon an frühen Sarkophagen dargestellt wird. Da Christus nach Matthäus die Apostel "wie Schafe mitten unter die Wölfe" geschickt hat, werden sie auf den Mosaiken in Ravenna so dargestellt. Da Petrus den Befehl erhalten hatte: "Weide meine Lämmer", konnte sich schließlich jeder Christ als Mitglied einer unaufhörlich zu vermehrenden Schafherde empfinden. Auch an diese Perspektive wird Luther gedacht haben.