Die Bullen sind los. Wer sich ihnen an den internationalen Börsen in den Weg stellt, wird gnadenlos zermalmt. Nichts scheint die Bullen, so werden die Optimisten an den Finanzmärkten genannt, mehr aufzuhalten. Die Wall Street - und im Schlepptau der Frankfurter Aktienmarkt - vermelden fast täglich neue Rekorde. Eine Jahrhunderthausse, jubilieren die Propheten des Aufschwungs, so als gäbe es nicht die immer neuen Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt. Allein der Aktienmarkt in Japan spielt nicht mit, hier liegt der letzte Crash erst viereinhalb Jahre zurück.

Das Feuerwerk in den Börsensälen des Westens ist dagegen beeindruckend: Das erste Quartal des neuen Jahres ist noch nicht vorüber, da ist der Deutsche Aktienindex (Dax) schon wieder um fast 20 Prozent in die Höhe geschossen. Das hatten zu Jahresbeginn die kühnsten Optimisten nicht für möglich gehalten, schließlich war das Börsenbarometer bereits im "Rekordjahr 1996" (BfG Bank) um rund 25 Prozent geklettert.

Habenichtse könnten meinen, solch gewachsener Wohlstand mache gelassener. Die Realität sieht anders aus. Die Finanzjongleure werden immer nervöser. Die Angst geht um, das reichlich Gewonnene wieder zu verlieren. Ungute Erinnerungen werden wach, nicht zuletzt an die spektakulären Börsenkräche am 19. Oktober 1987 und im Herbst 1989. Voller Unbehagen bilanzierte jüngst die Börsen-Zeitung: Die Eigendynamik des Marktes "sucht ihresgleichen und jagt allen Beteiligten Schauer über den Rücken". Noch meiden die Experten hierzulande das Wort Crash wie der Teufel das Weihwasser. Sie sprechen lieber von einer denkbaren Phase der Konsolidierung.

In den Vereinigten Staaten - dem Mutterland des heutigen Aktienbooms - sind einige Fachleute da schon weiter. So prognostiziert der renommierte Anlagestratege David Shulman vom New Yorker Brokerhaus Salomon Brothers schon seit längerem einen kräftigen Rückschlag des Dow Jones Index.

Seit Beginn der neunziger Jahre konnte sich der Punktestand des Dow Jones Index, des wichtigsten Börsenbarometers der Welt, nahezu verdreifachen nie gab es eine Abwärtsphase, in der die Einbußen zehn Prozent überstiegen. Und nicht weniger als 100 der gut 260 Millionen Amerikaner versuchen mittlerweile ihr Glück beim Wall- Street-Roulette. Ihre Risikofreude wurde fürstlich belohnt: Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren wurde das Heer der Anleger um rund 5100 Milliarden Mark reicher. Zum Vergleich: Arbeitnehmer und Unternehmer in Deutschland haben 1996 gerade einmal Güter und Dienstleistungen im Wert von rund 3000 Milliarden Mark produziert.

Solch eine Megaparty hat es in der über hundertjährigen Geschichte des Dow noch nicht gegeben. Die Spekulanten konnten noch so wild feiern nie sind sie bisher mit einem richtigen Kater aufgewacht.

Zwar gab es seit Mitte Februar gelegentlich ein wenig Kopfschmerzen, doch spätestens mittags waren die Unpäßlichkeiten verflogen. Die Kurse stiegen ja wieder. Und die Anleger in Europa freuten sich mit: Wenn es stetig bergauf geht, läßt es sich prächtig am Gängelband der amerikanischen Investoren leben.