Die Tierwelt hört nicht auf, uns in Erstaunen zu setzen. Nach dem wahnsinnigen Rind das geklonte Schaf. Crazy Cow und Baby Dolly.

Und es ist kein Zufall, daß sie zusammen das Sternbild dieses Fin de siècle bilden. Man wird immer mehr Schafe klonen und so immer mehr Tiermehl produzieren, das immer mehr wahnsinnige Rinder ernähren wird und so weiter . . .

Aber die Analogie geht noch weiter: Das Klonen ist selbst eine Form von Epidemie, von Seuche, von Metastase der Spezies, befallen von der identischen Reproduktion und der unendlichen Vermehrung, jenseits von Geschlecht und Tod. Einschneidend daran ist die Beseitigung der geschlechtlichen Fortpflanzung und folglich jeder Differenzierung und jedes einzigartigen Schicksals des Lebewesens. Wir sind dabei, die größte Revolution im Reich des Lebens, nämlich den Übergang von der ohne Differenzierung verlaufenden protozoischen und bakteriellen Vermehrung, von der Unsterblichkeit der Einzeller zur geschlechtlichen Fortpflanzung und zum unvermeidbaren Tod jedes Einzelwesens mit den paradoxen Mitteln der Wissenschaft und des Fortschritts schlicht und einfach aufzuheben zugunsten der biologischen Monotonie des vorangegangenen Reichs, des Fortbestehens eines minimalen, undifferenzi erten Lebens, nach dem wir uns vielleicht noch immer sehnen.

Was Freud als Todestrieb bezeichnete, war nichts anderes als diese schwindelerregende Verlockung, zurückzukehren zur Auslöschung in der ewigen Wiederkunft des Gleichen, diesseits derbiologischen Revolution des Geschlechts, diesseits des Todes - die Ontologie als bloße Tautologie und die Phylogenese als bloße Tautogenese.

Während das Leben in Hunderten von Millionen Jahren alle Kräfte aufgeboten hat, das Gleiche dem Gleichen zu entreißen, dieser Art Inzest und primitiver Entropie zu entkommen, sind wir dabei, an der Desinformation der Spezies durch Aufhebung der Unterschiede zu arbeiten und Entropie durch Information zu fabrizieren - das ist der Gipfel!

Doch diese Wiederholungsphantasie ist nur eine der zwei Seiten des biogenetischen Unternehmens: Die andere ist die der Perfektion.

In der theologischen Debatte um die Auferstehung des Fleisches hat man sich lange gefragt, welcher Körper zu neuem Leben erweckt wird - der junge Körper in seiner Herrlichkeit, der wiederhergestellte und verklärte Körper oder der alte und kranke Körper? Nun taucht diese Debatte in der bioindustriellen Version der Wiederauferstehung von Körpern wieder auf. Denn selbstverständlich wird man kein von Blattern befallenes Schaf und einen an Aids erkrankten Afrikaner klonen. Es liegt auf der Hand, daß die Klonierung, falls sie sich weiterentwickeln sollte, automatisch diskriminierend sein wird, viel diskriminierender, als die natürliche Auslese es je war. Damit schließt sie sich dem anderen Phantasma an, das hinter der gesamten Genmanipulation (hinter der gesamten Technik überhaupt) steht, nämlich die ideale Formel der Spezies zu entwickeln, um sie nur noch reproduzieren zu brauchen. Man muß sich jedoch darüber im klaren sein, was dieses Ideal und diese Perfektion bedeuten.