Über den ernsthaften Umgang mit Literatur und Gesellschaft".Dieser Titel klingt etwas wunderlich und altmodisch.Die sprachliche Form ist beabsichtigt.Hier soll von geschichtlichen Zusammenhängen gesprochen werden im vollen Bewußtsein, daß unser deutsches Wort "ernsthaft" längst entwertet wurde im allgemeinen Sprachgebrauch. Wenn man heute in ernsthafter Weise von Dingen reden will, so nennt man das nicht "ernsthaft", sondern "seriös".Dazu paßt genau, daß die Schüler auf dem Schulhof, wenn sie andeuten wollen, daß diesmal nicht gelogen wird, mit Vorliebe sich der Ausdrücke "echt" oder "ehrlich" bedienen. In ernsthafter Weise sollten wir erörtern, warum wir unserer Mitgliedschaft im Internationalen PEN-Club noch irgendwelche Bedeutung beimessen. Nämlich indem wir uns fragen, was unsere Mitgliedschaft in diesem Club noch an Nützlichem bewirken kann.Eine Antwort auf solche Fragen kann jedoch nur ein Rückblick geben auf die Entstehung und Geschichte in diesem bald zu Ende gehenden Jahrhundert. Die Gründung des Internationalen PEN-Clubs in den zwanziger Jahren entsprang einer Reaktion des Entsetzens auf die Geschehnisse während des Ersten Weltkrieges.Man hatte dort Vorgänge erlebt oder erfahren, die man für undenkbar gehalten hätte.Die tiefste Erschütterung bewirkte damals nicht so sehr eine Bombardierung aus der Luft. Hier befand sich die Technologie noch im Entwicklungsstadium. Aber der Giftgaskrieg hatte alle Vorstellungen von einer sogenannt zivilisierten Menschheit widerlegt.In seinem letzten, unvollendet gebliebenen Roman "Les Noyers de l'Altenbourg", also über die Nußbäume von Altenbourg, hatte André Malraux eine Schilderung von den Vorgängen des Gaskrieges gegeben, die keiner vergessen wird, der sie gelesen hat. Die Gründung des PEN-Clubs verband hier das nachwirkende Entsetzen über das vergangene Kriegsgeschehen mit einem Gefühl tiefer Beschämung über das Verhalten der europäischenSchriftsteller in diesem Weltkrieg. Sie hatten einander in den verschiedenen Lagern nichts nachgegeben an nationalistischer Arroganz und intellektueller Verblendung. In Deutschland zeichnete der einstige literarische Bürgerschreck Richard Dehmel seine Artikel und Gedichte im Krieg als "Leutnant Dehmel".Einer der großen Tonsetzer zeichnete in Paris seine neuen Partituren als "Claude Debussy, musicien français".Rilke hatte mit albernen Versen eines "Winke winke" die ausziehenden Soldaten begleitet.Thomas Mann schrieb im Herbst 1914 einen Text "Gedanken im Kriege", den er aus Scham später nie wieder nachdrucken ließ. Da wurde geschwafelt, daß der Krieg ja eine Kunst bedeute, wie das Wort Kriegskunst beweise.Also befinde man sich als Literat und im Kriege gleichsam in einer Künstlergemeinschaft. Maurice Barrès und Maurice Maeterlinck standen den feindlichen deutschen Kollegen nicht nach.Von Gabriele D'Annunzio zu schweigen. Es gab nur wenige löbliche Ausnahmen.Der Nobelpreisträger Romain Rolland in Frankreich und Hermann Hesse, der erste literarische Nobelpreisträger nach dem Zweiten Weltkrieg.Sie wurden geschmäht als Vaterlandsverräter, und sie haben es niemals verwunden. Aus solcher "Verwirrung der Gefühle" trafen in den frühen zwanziger Jahren Schriftsteller wie H.G.Wells in England und Georges Duhamel in Frankreich mit dem italienischen Diplomaten und Schriftsteller Graf Sforza zusammen, um eine internationale Vereinigung von Schriftstellern zu begründen, die sich ein Grundgesetz geben sollte für das Verhalten eines Schriftstellers in seiner Zeit und Gesellschaft.Eine Charta. Sie ist nach wie vor gültig, und sie leidet, wie alle Grundgesetze, an den Schwierigkeiten ihrer Erfüllbarkeit.Es kam hinzu, daß die so entstehende Vereinigung der Poeten, Essayisten, Editoren und Novellisten oder Romanciers, abgekürzt als PEN, was Schreibfeder bedeutet, eine Vereinigung gleichzeitig der Sieger war und der literarischen Prominenz.Auch als Verbindung hergestellt wurde zu Heinrich Mann oder Stefan Zweig, blieb man gleichsam für lange Zeit "unter sich".Gutbürgerliche, finanziell erfolgreiche Literatur in den meisten Fällen.Literarische Außenseiter, erst recht wohl politische Außenseiter der Linken, waren unerwünscht.Nationalisten der Rechten oder erklärte "Revanchisten" in den besiegten Ländern wurden gleichfalls abgelehnt. Deren Tun war nicht vereinbar mit der Charta des Clubs. In dieser Weise hat der PEN-Club tatsächlich in den zwanziger Jahren und bis zu dem Jahr des allgemeinen Widerrufs, also bis 1933, zum erstenmal so etwas wie eine organisierte Gemeinschaft ernsthafter Schriftsteller bedeutet. Der rühmliche Vorgang in der Geschichte des PEN-Clubs erfolgte im Frühsommer 1933.Die Jahrestagung des Internationalen PEN war nach Ragusa einberufen worden, dem heutigen Dubrovnik.Frohgemut kamen die braunen offiziellen Autoren aus Deutschland angereist, um sich als die neuen Kollegen vorzustellen.Allein die alten deutschen Kollegen waren auch erschienen.Sie machten den jüdischen Emigranten Ernst Toller zum Sprecher der Anklage.Der PEN-Kongreß handelte kurz entschlossen.Das nunmehrige deutsche PEN-Zentrum wurde, mit Hilfe der Gevatter Schimpf und Schande, vor die Tür gesetzt.Seit dieser Zeit gibt es, wie wir wissen, ein PEN-Zentrum der writers in exile. Das weitere Verhalten jedoch der offiziellen Repräsentanten des Internationalen PEN in jenen dreißiger Jahren bis zum Kriegsausbruch 1939 wurde immer fragwürdiger und zweideutiger.Es kam hinzu, daß ein internationaler Kongreß damaliger Schriftsteller im Falle der Nazis klar und richtig gehandelt hatte, allein in den Ländern wie Ungarn und Polen und Finnland und Italien saßen inzwischen faschistische oder faschistoide Regierungen.Die von ihnen geförderten und in den PEN-Club entsandten Autoren wa ren Fleisch von ihrem Fleische.Der PEN-Club drückte sich vor allen Stellungnahmen. Die Gemeinsamkeit damaliger Schriftsteller an der Seite der spanischen Republik und gegen Franco erfolgte ganz außerhalb der Grenzen jenes immer noch jungen PEN-Clubs.Im Club nämlich machte man eine Politik des Appeasement im Sinne jenes Münchner Abkommens über die Zerstörung der Tschechoslowakei. Der damalige Präsident des Internationalen PEN, der begabte Schriftsteller Jules Romains, hat viel Schuld auf sich geladen.Er wurde auch später nahezu zum Kollaborateur.Er hat ein schlimmes Andenken hinterlassen. Das Weitere ist bekannt.Abermals ein Rückblik des Entsetzens nach diesem Zweiten Weltkrieg.Nun kam das Entsetzen hinzu über die abgefeimten Manipulationen eines grenzenlosen Völkermordes. Die erste Tagung des Internationalen PEN-Clubs wurde im Jahre 1947 nach Zürich einberufen.Der ausgebürgerte Exilschriftsteller Thomas Mann hielt die literarische Festrede über "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrungen". Im Lichte unserer Erfahrungen, in der Tat.Thomas Mann machte auf dieser Tagung den Vorschlag, ein deutsches Zentrum des Clubs dadurch neu zu begründen, daß man vier integre und angesehene Schriftsteller in den vier Besatzungszonen Deutschlands zu Gründungsmitgliedern eines neuen deutschen Zentrums ernenne.Die sollten dann zusammentreten und neue deutsche Mitglieder hinzuwählen.So geschah es.Zu den in Zürich ernannten Gründungsmitgliedern gehörten Erich Kästner, Günther Weisenborn und Axel Eggebrecht ebenso wie Johannes R. Becher und Anna Seghers. Wenn ich mich recht erinnere, so traten die Gründungsmitglieder zum ersten oder zweiten Male im Jahre 1949 in Göttingen zusammen, um neue Mitglieder des Clubs zu wählen.Ich war einer der damals Hinzugewählten.Meine Paten waren Günther Weisenborn und Axel Eggebrecht. Ich bin also vermutlich der dienstälteste "PEN-Bruder".In dieser Eigenschaft habe ich noch am Projekt eines ungeteilten deutschen PEN-Zentrums mitgearbeitet.Wir kamen gut miteinander aus damals. Allein in jenem Jahr 1947 hatte auch schon der Kalte Krieg begonnen. Die Gemeinschaft der alliierten Sieger wurde abgelöst durch die durchaus bereits kriegerische Ost-West-Konfrontation. Ein erster deutscher Schriftstellerkongreß, der noch mit Zustimmung der vier Besatzungsmächte im Oktober 1947 nach Berlin einberufen wurde, kam mühsam über die Runden und endete scheinbar friedlich. In Wirklichkeit wurde alles für die neue Spaltung vorbereitet. Anfang der fünfziger Jahre war auch der einheitliche deutsche PEN-Club an der Reihe.Ich bin damals dabeigewesen in Düsseldorf: bei dieser letzten gemeinsamen Tagung deutscher Club-Mitglieder aus vier Besatzungszonen.Zusammen mit Peter Huchel, Hans Henny Jahnn, Johannes R.Becher, dem Dramatiker Johannes Tralow, der bei München lebte und sich außerordentliche Mühe gab, ganz wie Jahnn aus Hamburg, die Spaltung zu verhindern.Wir trennten uns nach gemeinschaftlicher Wahl eines neuen Vorstandes.De r von westlicher Seite erwartete Kandidat Johannes R.Becher dachte gar nicht daran, sich wählen zu lassen.So konnte die Tagung gemeinsam beendet werden. Bedauerlich bei alledem ist, daß gerade die internationale Geschichte des PEN in den vergangenen Jahrzehnten, von wenigen erfolgreichen Aktionen abgesehen, kaum rühmliche Aktivitäten aufzuweisen hat, im Kampf der Schriftstellergemeinschaft gegen Verfolgung und Ermordung von Schriftstellern in aller Welt.Von den beiden für eine bestimmte Frist gewählten Präsidenten Heinrich Böll und Arthur Miller ist bekannt, daß sie am Ende ihrer Amtszeit mit tiefem Unmut zurückdachten an so viel erfolgl ose Tätigkeit der Solidarität. Ich selbst habe viermal, zwischen 1954 und 1959, an solchen internationalen Tagungen teilgenommen, in Amsterdam und Wien, in London und in Frankfurt.Wenn ich daran zurückdenke, so fällt mir eigentlich nichts ein, was auf diesen vier Tagungen mit ernsthafter Literatur zu tun gehabt hätte.Eine verblasene und hochtrabende Literaturrede eines holländischen Universitätsprofessors.Ein hübsch formuliertes trauriges Schlußwort Erich Kästners in Wien, wo immerhin einige interessante Theaterabende zu Ehren der PEN-Tagung vorbereitet worden waren.Zum Beispel mit einem Theaterstück von Wolfgang Hildesheimer. In Frankfurt bekam ich Krach mit Heimito von Doderer, als er einen Vortrag hielt, der reine Selbstfeier war und darin gipfelte, daß Robert Musil nachträglich auf dem Altar des Herrn von Doderer geopfert werden sollte.Da meldete ich mich zu Wort und wurde etwas unfreundlich. Warum gerade dies im Rückblick noch einmal erwähnt wird?Weil es an solchen Einzelheiten deutlich macht, was gemeint werden soll in unserer Forderung nach einem "ernsthaften Umgang mit der Literatur und der Gesellschaft".Der Internationale PEN-Club hat wenig getan, eine solche Ernsthaftigkeit zu praktizieren.Die Mitgliedschaft im PEN-Club wird seit langem als ein Statussymbol betrachtet.Als ein BMW der armen Literaten.Allein der Club vermag seit langem nicht mehr diese Funktion zu erfüllen.Di e Öffentlichkeit denkt gar nicht mehr daran, diesen Anspruch zu honorieren. Im Gegenteil.Der PEN-Club sollte, wenigstens hierzulande, darüber nachdenken, ob die künftige Gesellschaft im neuen Jahrtausend das überhaupt noch haben und möglich machen will: eine ernsthafte Literatur im Sinne der nunmehr zu Ende gehenden bürgerlichen Gesellschaft. Dies ist der Rückblick eines alten Mannes, der zwei Weltkriege erlebt hat, zwei große Aufschwünge eines allgemeinen humanistischen Bewußtseins.Zuerst in den zwanziger Jahren, dann noch einmal in zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Immer wieder jedoch wurden diese Aufschwünge abgelöst, häufig erstickt, durch Restaurationen.Wenn dem aber so ist, wenn also das neue Jahrhundert diese Restaurationen verfestigt, dann werden sich Schriftsteller in aller Welt fragen müssen, was es bedeutet, wenn mit dem Ende der bürgerlichen Gesellschaft auch die bürgerliche Aufklärung zu Ende geht und mit ihr: die bisherige Literatur. Hans Mayer, der Nestor der deutschen Literaturhistoriker, der