Vilnius Hier ist wirklich Mitteleuropa. Wie andere traditionelle Städte im Baltikum könnte die litauische Hauptstadt genausogut tausend Kilometer weiter westlich liegen. Die weiträumige Altstadt hat in ihren barocken Bauten die Geschichte Europas mit allen Höhen und Tiefen konserviert, sie ist katholisch geprägt. Nicht nur das geschichtliche Erbe, auch das geographische Zentrum des Kontinents liegt hier, genau zwischen Atlantik und Ural, 25 Kilometer nördlich der Stadt. Wer die Balten fragt, warum sie in die Nato und die EU streben, bekommt die knappe Antwort: Weil wir zur Familie Europas gehören. Und wer ihnen vorhalten will, sie könnten mit etwas mehr Zurückhaltung dem Westen manche Verspannung mit Rußland ersparen, dem wird erwidert: Wenn wir nicht drängten, würdet ihr uns doch nur zu gern vergessen.

Eine Erkundungsreise durch Litauen, Lettland und Estland über die Auswirkungen der bevorstehenden Osterweiterung der Nato gerät gleichermaßen zum Ausflug in die Vergangenheit des Alten Kontinents wie zum Nachdenken über die künftigen Sicherheitsstrukturen Europas.

Nirgendwo sonst ist beides so ineinander verwoben wie hier, nirgendwo sonst wird die Problematik der Anfang Juli anstehenden Nato-Entscheidung so deutlich.

Denn das Baltikum ist wieder einmal umstrittenes Gebiet, wenn auch diesmal nicht zwischen Polen, Preußen, Habsburg auf der einen, Rußland auf der anderen Seite, auch nicht zwischen HitlersDeutschland und Stalins Sowjetunion, sondern zwischen den Balten, die mit Macht nach Westen streben, und Rußland, das den alten Einflußbereich behalten und in dessen Verlust eine unerträgliche Demütigung seines Großmachtanspruches sehen will. "Für Rußland ist nicht entscheidend", erläutert Dimitrij Trenin, früher Offizier der Sowjetarmee und heute am Moskauer Carnegie Center einer der sicherheitspolitischen Experten seines Landes, "ob Polen, Ungarn oder Tschechien der Nato beitreten. Entscheidend ist, daß die baltischen Staaten und die Ukraine nicht hineinkommen." Eine Frage der Sicherheit sei dies nicht, sondern der psychologischen Befindlichkeit. Es ist deshalb auch nicht der erste Schritt, sondern vielmehr die Dynamik des Erweiterungsprozesses, die die Russen fürchten. Trenin glaubt, es werde ein bis zwei Generationen brauchen, bis die eifersüchtige Empfindlichkeit der russischen Führungsschicht gegenüber dem Baltikum verflogen sei.

Dafür haben die Kanzleien im Westen durchaus Verständnis. Mancher, nicht zuletzt in Bonn, würde im ersten Erweiterungsschritt am liebsten zugleich den letzten sehen. Zwar lautet die offizielle Nato-Formel - und der stellvertretende Generalsekretär Sergio Balanzino hat sie dieser Tage auf einer Tagung des Nordatlantischen Instituts in Tallinn heruntergebetet -, die baltischen Staaten kämen "voll und ganz" als Nato-Mitglieder in Frage die Tür werde ihnen "immer offenstehen". Aber es ist eine eher kafkaeske Einladung.

Denn niemand im Westen läßt einen Zweifel: Vorerst wird kein baltischer Staat die Türschwelle überschreiten dürfen.

Die Realisten in den baltischen Regierungen nehmen das melancholisch zur Kenntnis. Nur fangen damit die Probleme der Nato-Erweiterung erst an. Denn wie will der Westen vermeiden, daß jene Staaten, die aus Rücksicht auf Rußland nicht gleich aufgenommen werden, damit implizit dem russischen Einflußbereich anheimgegeben, zumindest aber einer Grauzone strategischer Ungewißheit zugewiesen werden?