Es ist erstaunlich, daß ein solches Buch nicht schon früher geschrieben wurde. Der Nationalsozialismus, der 1933 mit Hitler an die Macht kam, bezog einen wesentlichen Teil seiner ideologischen Wirkung und Attraktivität aus der Zusammenführung von zwei mächtigen Ideenbewegungen des 19. Jahrhunderts, dem Nationalismus und dem Sozialismus, die ursprünglich gegeneinander standen und sich bekämpften, aber im 20. Jahrhundert in der Ideenbewegung eines Nationalen Sozialismus miteinander verbunden und verschmolzen wurden. Gewiß bot der historische Nationalsozialismus zu keiner Zeit eine klare, in sich schlüssige Ideologie des nationalen Sozialismus, und für Hitler selbst, der an ernsthaften ideologischen Diskussionen nicht interessiert war, bedeutete Sozialismus lediglich "eine Phrase unter vielen, mit der er sich schmückte, wenn es ihm gerade paßte". Dennoch kamen die ideologischen Versuche der Zusammenführung von Nationalismus und Sozialismus, die in der geistig-politischen Welt der Weimarer Zeit im Schwange waren, dem historischen Nationalsozialismus zugute, der dieser Diskussion ideologische und konzeptionelle Versatzstücke entnahm, aber selbst jeder geistigen Originalität entbehrte.

Das Verdienst der Arbeit von Christoph H. Werth liegt einerseits in der Darstellung der geistigen Ideenbewegung, die Nationalismus und Sozialismus zusammenzuführen suchte, andererseits in der genauen Analyse des Ideenkonglomerats, mit dem Hitler und der historische Nationalsozialismus arbeiteten.

Karl Dietrich Bracher, der den begabten Autor zu dieser wichtigen Doktorarbeit inspiriert hat, schreibt in seinem Vorwort, die Denkfigur Sozialismus-Nationalsozialismus habe im "Dritten Reich" eine ideologisch wie politisch verhängnisvoll effektive, weil ungemein verführerische Rolle gespielt. "Ohne die fast unbegrenzbare Abrufbarkeit der wie immer jeweils definierten sozialistischen (= Volksgemeinschaft) und zugleich nationalistischen Komponente (= Rassenideologie) dieses Denkens wäre der illusionsträchtige deutsche Weg in ein so totalitär erfassendes, letzthin verbrecherisch-unmenschliches Staats- und Herrschaftssystem wie das des ,Dritten Reiches` nicht möglich gewesen."

Schon um die Jahrhundertwende waren Nationalismus und Sozialismus die beiden beherrschenden, jedoch einander radikal entgegengesetzten ideologischen Strömungen und politischen Bewegungen. Was lag da näher, als, zunächst im Bereich der Gedanken, dann dem der politischen Tat, den Versuch zu machen, diese mächtigen Strömungen in einer Synthese zusammenzufassen und ihren politischen Antagonismus zu überwinden! Das Modell eines nationalen Sozialismus, so schreibt Werth, "avancierte zum Epochengedanken". Ein charakteristisches Beispiel: Der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius schrieb 1932 in seinem Buch "Deutscher Geist in Gefahr": "Wer die Verantwortung für die deutsche Zukunft auf sich nimmt, muß das Nationale und Soziale mit eisernem Willen zusammenbiegen. Wir können gar nichts anderes wollen."

Wie dieser geistige Prozeß der Zusammenführung von Nationalismus und Sozialismus vor sich ging, welches seine herausragenden Repräsentanten waren und wie diese Geistesbewegung in den historischen Nationalsozialismus mündete, ist das Thema dieser Untersuchung, die sich durch eine klare Gedankenführung, eine unpolemische, jedoch kritische Auseinandersetzung mit den führenden Vertretern einer Idee des nationalen Sozialismus auszeichnet und als ein wichtiger Beitrag zur politischen Ideengesc hichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anzusehen ist.

Ohne die Frage nach den politisch-historischen Ursachen für diese Ideenbewegung ganz außer acht zu lassen, konzentriert sich die Untersuchung hauptsächlich auf die Darstellung des diesbezüglichen politischen Denkens folgender Autoren: Friedrich Naumann, der als erster versuchte, mit seinem Nationalsozialen Verein auch politisch die beiden Pole miteinander zu verbinden, aber damit scheiterte sodann Oswald Sprengler mit seiner enorm einflußreichen Schrift "Preußentum und Sozialismus" Fer dinand Tönnies mit seiner wirkungsmächtigen Entgegensetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft Walter Rathenau mit seinem Modell der Gemeinwirtschaft Wichard von Möllendorff mit seiner Idee des konservativen Sozialismus Arthur Moeller van den Bru ck und seine wolkige Idee des "Dritten Reiches" ferner Ernst Niekisch und der "Tatkreis", gefolgt von Ernst Jünger mit seiner wegweisenden Schrift von 1932 über den Arbeiter schließlich Werner Sombart, der vom bürgerlichen Verteidiger des Marxis mus zum Propagandisten eines deutschen Sozialismus wurde. Sie verfochten keine einheitliche Doktrin, doch sie waren alle bestrebt, den Gegensatz von Nationalismus und Sozialismus zu überwinden.

Die Idee eines nationalen Sozialismus richtete sich gegen den marxistisch inspirierten internationalen Sozialismus der Arbeiterbewegung.