Bonn

Wer führt hier eigentlich die Regie? Irgendwo zwischen dem Haus der Geschichte, der Bannmeile und dem Dehler-Haus, auf der breiten Bonner B 9, die zum Ort des Geschehens geworden ist, fragt das einer, der es "dem Kohl" und den Politikern mal richtig zeigen will. Wer Regie führt? Wüßte man das bloß.

Nicht wiederzuerkennen ist es in diesen Tagen, unser Bonn. Es wirkt doch fast immer wie von unsichtbarer Hand geordnet. Gemessen daran herrschen derzeit fast anarchische Zustände. Das gilt, auch wenn die protestierenden Bergarbeiter sich gerade wieder brav nach Hause zurückziehen. Alles nur ein Spuk? Nein, nein!

Das Bild aus den beiden Hauptstädten am Dienstag dieser Woche, die Bergarbeiter von Saar und Ruhr in Bonn, die Bauarbeiter mit ihrer Mahnwache an der Riesengrube Potsdamer Platz in Berlin, die gegen das Lohndumping protestieren: wie eine Revolte derer wirkt es, die keine Aussicht mehr haben. Ihre Ängste haben reale Gründe. Zugleich aber ist es ein Sinnbild. Es hat sich etwas festgefahren.

Die Politik vermag sich nicht mehr vorwärts und auch nicht rückwärts zu bewegen. Sie wird nicht nur blockiert, sie blockiert sich auch selbst. Das liegt nicht nur an den Kumpeln.

Etwas ist unvergleichlich mit anderen Dramen und Dramoletten, die unsereins erlebt hat. Was ist dieses Etwas? Nein, das ist nicht die Stunde des Fels in der Brandung mit Namen Kohl. Er führt nicht Regie. Es ist, und das sagt man nicht ohne Neid, ganz einfach die Stunde des Fernsehens. Es muß nichts vorhersagen, was auch nur 24 Stunden Bestand hätte. Es muß nur Bilder zeigen. Wer in diesen hektischen Tagen prophezeit, nach dem großen Kladderadatsch, in Bonn wie in Berlin, beginne nun die lange Ära der Konfrontation, muß damit rechnen, am nächsten Vormittag die Kombattanten plötzlich wieder am Runden Tisch zu erleben. Dann sprechen sie wieder trocken über Steuern und Renten.

Es gilt das gesprochene Wort, und das nur für den Moment. Kamera läuft: Kanzleramtsminister Friedrich Bohl schlendert vor dem Amt zu den wartenden Journalisten und nimmt Stellung zu "der Situation, die in Bonn besteht". Die Plastik von Henry Moore hinter ihm in der Frühlingssonne ist vermutlich der einzige ruhende Pol.