HAMBURG. - Kein Kanzlerwechsel in der Geschichte Bonns ist, von einer Ausnahme abgesehen, durch Wählervotum zustande gekommen.

Konrad Adenauer wurde inmitten einer Legislaturperiode von Ludwig Erhard abgelöst. Dieser mußte nur ein Jahr nach einer glänzend gewonnenen Wahl seinen Stuhl für Kurt Georg Kiesinger räumen.

Nur sein Nachfolger Willy Brandt wurde in der Folge einer Bundestagswahl erstmals Kanzler. Er übergab seine Amtsgeschäfte, nun wieder in der Mitte einer Wahlperiode, an Helmut Schmidt, der, ebenfalls nur zwei Jahre nach einer Wiederwahl, von Helmut Kohl abgelöst wurde.

Sieht man vom Sturz Schmidts ab, zustande gekommen durch das konstruktive Mißtrauensvotum mit Hilfe des abtrünnigen freidemokratischen Koalitionspartners, dann war Furcht vor einem Machtverlust der jeweiligen Kanzlerpartei bei der nächsten Wahl stets einer der Gründe für den fliegenden Wechsel im Kanzleramt.

Angesichts der Lähmung der bürgerlichen Koalition rückt wiederum die Möglichkeit eines Kanzlerwechsels ohne Wählervotum ins Blickfeld.

Selbst dem seine Partei beherrschenden Helmut Kohl dürften Überlegungen in diese Richtung nicht fremd sein. Ohne Absprache wäre Wolfgang Schäuble mit den Namen potentieller Nachfolger, einschließlich des eigenen, auch kaum auf den Markt gegangen. Kohl selbst kann, rechtzeitig vor der nächsten Wahl, sich ohne Gesichtsverlust auf sein bislang nie widerrufenes Wort zurückziehen, er habe sich 1994 zum letzten Mal zur Wahl gestellt.

Daß ein Kanzlerwechsel nur mit einer anderen Koalition als der gegenwärtigen möglich ist, hat Gründe. Zum einen hat Kohl stets glaubhaft versichert, er stehe als Kanzler einer großen Koalition nicht zur Verfügung. Aber nur sie wäre vor 1998 eine Alternative zur bürgerlichen Koalition, die sich längst als unfähig zur Lösung der politischen und sozialen Probleme erwiesen hat.