Wenn ihr nur wollt, ist es kein Märchen, hatte Theodor Herzl seinen in der Fremde verstreuten Juden Mut gemacht, als er ihnen Palästina als rettenden Heimathafen anpries. Das ist schon lange her. Aber, was sind hundert Jahre, wenn es um dieses Land, wenn es gar um diese Stadt geht, um Jerusalem.

Wie viele Bücher sind schon über sie geschrieben, wie viele Lieder zu ihrem Preis gesungen, wie viele Bilder von ihr gemalt worden in den vergangenen Jahrhunderten, Jahrtausenden. Und wieviel Kriege, Schlachten und Metzeleien hat es ihretwegen schon gegeben. Und sie ist noch immer die Stadt der Städte, geliebt, gehaßt, geschunden.

Keine kann sich mit ihr messen, wohl wahr. Auch mag sich wohl keine mit ihr vergleichen - so wechselvoll war ihre Geschichte, die nun annähernd viertausend Jahre andauert (seitdem der Zion zum erstenmal besiedelt wurde). Wie viele Herrscher machte sie sich untertan, wie viele Heere wüteten in ihr und - auch dies: Gott wählte sie, Jesus lebte und starb in ihren Mauern, Mohammed suchte sie auf vor seinem Ritt in den Himmel. Auch das ist Jerusalems Schicksal bis in diese Tage.

Es ist eine unendliche Geschichte und bleibt es wohl auch. Davon gibt die versierte britische Geschichtsschreiberin Karen Armstrong ein akzentuiertes, aktuelles Bild: das historische Panorama Jerusalems in jener lobenswerten Manier, wie es englischer Schule entspricht.

Es ist anschaulich verfaßt, spannend aufgeschlüsselt, fair austariert, rundum eine lehrreiche Lektüre.

Nur das kann (und will) das Buch vermutlich nicht: Wege aufzeigen, wie das Problem Jerusalem gelöst werden kann - zwischen Religionen, die sie beanspruchen, zwischen Völkern, Israelis und Palästinensern, die sie besitzen wollen. Doch wenn Jerusalems schwieriges Schicksal durch die Jahrtausende das eine lehrt, so dies: In der ewigen Stadt gibt es keine Herrschaft auf Dauer, kein Eigentum für alle Zeit. In der "Ewigen" ist alles andere höchst vergänglich. Es ist so, im säkularen Sinn, eine aussichtslose Stadt. Doch das ist eine andere Geschichte, es wäre ein anderes Buch über Jerusalem.

Gegen Ende ihrer Erzählung zitiert Karen Armstrong Mythen der Kabbala, wonach in der Welt alles wieder an seinen rechten Platz kommt, sobald die Juden nach Zion zurückgekehrt sind. Welch frommer Wunsch! Nach jüngsten israelischen Zukunftsvorstellungen ist die Rückgabe beinahe aller seit 1967 besetzten Gebiete an die Palästinenser möglich, mit Ausnahme Jerusalems. Welch friedlose Aussicht!