Es ist fast wie ein Blick zurück in eine gute alte Zeit. Erst wurden die Weichen für die soziale Marktwirtschaft und das Wirtschaftswunder gestellt, und später gab es auch in Krisenzeiten kaum mehr als eine Million Arbeitslose. Selbst der damalige Schuldenberg des Bundes (1982: 309 Milliarden Mark), den einst die CDU/CSU-Opposition während der sozialliberalen Regierungszeit immer wieder anprangerte, wirkt aus heutiger Sicht beinahe unscheinbar.

Dennoch verklärt der CDU-Politiker Gerhard Stoltenberg mit seiner Schilderung der Nachkriegszeit bis zum Jahre 1990 keineswegs die vergangenen Jahrzehnte. Seine Beschreibung der Finanz- und Wirtschaftspolitik ist eher nüchtern und penibel, so wie der Bürger ihn vor allem als langjährigen Bundesfinanzminister (von 1982 bis 1989) im Kabinett Helmut Kohl trotz seiner gelegentlichen parteipolitischen Polemik wahrgenommen hat. Immerhin war Stoltenberg auch für seinen direkten sozialdemokratischen Amtsvorgänger Manfred Lahnstein bei der Bonner Wende von 1982 der Wunschkandidat unter den Unionspolitikern.

Wer von dem Buch Indiskretionen mit pikanten Details erwartet, wird enttäuscht. Der gelernte Historiker berichtet meist nur, was längst aus anderen Quellen bekannt ist. Wie diskret Stoltenberg schon als Finanzminister war, bewies die Tatsache, daß er die Briefe des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß mit heftigen Attacken gegen die damalige Finanzpolitik stets persönlich verwahrte und nicht einmal an seine Mitarbeiter weitergab. Daß die Schreiben aus München dennoch schnell in Bonn kursierten, dafür sorgte der Absender. Auch jetzt erwähnt Stoltenberg nur an einer Stelle "einen zornigen dreizehnseitigen Brief", in dem der Hobbyflieger Strauß damals die Steuerbefreiung von Flugbenzin für Privatflugzeuge verlangte. Daß Stoltenberg und Kanzler Kohl nach anfänglichem Widerstand der Forderung zunächst doch nachgaben, trug ihnen damals einen Skandal ein.

Noch interessanter als das, was Stoltenberg schreibt, ist manches, was er verschweigt. Damit arme Eltern mit ihren Kindern nicht schlechter gestellt werden als wohlhabende Familien, ersetzte die sozialliberale Regierung 1975 die steuerlichen Kinderfreibeträge durch das Kindergeld. In dem Buch heißt es nun, daß der Bund fortan "die Ausgaben für das Kindergeld allein zu tragen" hatte - kein Wort davon, daß die Unionsmehrheit im Bundesrat diese Steuerreform nur passieren ließ, nachdem dem Bund auch die Verwaltung des Kindergeldes aufgezwungen wurde. Seither sind bis heute bei der Bundesanstalt für Arbeit zusätzlich Tausende von Beamten allein damit beschäftigt, das Kindergeld zu überweisen.

Ziel des Buches ist es laut Stoltenberg, "ein neues Verständnis für die ethischen Grundlagen Sozialer Marktwirtschaft zu gewinnen".

So diskret der Autor auch ist, so verräterisch ist der historische Abriß aber für den Bürger: Solide Staatsfinanzen und erträgliche Steuern sind keine Magie, sondern das konkrete Ergebnis des Handelns der verantwortlichen Politiker.