Auf dem Zukunftsbild liegt Staub: Die Broschüre "Ein neues Wohngebiet" erschien 1987. Darin wird der Leser aufgefordert, sich das Jahr 1992 vorzustellen. Der "allwöchentliche Rentnerbummel" geht durch den "Rosenhof" mit seinen "tausend Rosen". An der "Marktbreite" ist "allerhand los", mit "Pergolen, Minigolf, Boccia und einem Schluck auf der Terrasse vor der kleinen Kneipe". "Hier am Markt funktioniert es doch ganz gut. Die Kioske sind meistens offen", mit "frischer und sauber angebotener Ware". Das einzige Problem: "Wenn bloß das Radfahren nicht wäre! Die Gören benutzen das hier so richtig als Slalomstrecke, und wir Alten kriegen's manchmal mit der Angst."

Inzwischen geht es um andere Ängste. Das Idyll von 1987 ist der Plattenbau-Stadtteil Neu-Olvenstedt in Magdeburg, heute so berüchtigt wie Rostock-Lichtenhagen. Olvenstedt gilt als "Fascho-Gebiet", das dem Spiegel zufolge in "Elend und Gewalt" versinkt. Hier, an der Endhaltestelle der Straßenbahn, wurde vor einem Monat der siebzehnjährige Punk Frank Böttcher viehisch ermordet. Sein Mörder, ebenfalls siebzehn Jahre alt, hatte sich vor kurzem zum Skinhead verwandelt. Wandert man durch das Brachland in die "Marktbreite", dann sieht man statt jener Rentnerutopie die Arbeitslosen von heute, die ihre Hunde ausführen. Die Kellnerin von der Eisdiele "Pinguin" ist "froh, hier nicht zu wohnen". Nebenan in der Kneipe bilanzieren zwei Männer halblaut, wo am Abend zuvor Steine geflogen sind und Fenster eingeschlagen wurden. Die Spuren alltäglicher Gewalt: der zertrümmerte Löwe vor dem chinesischen Restaurant, die zerschlagenen Keramiksäulen am Kinderspielplatz. Aber andere Stimmen gibt es auch. Eine alte Frau begrüßt eine "Glatze": "Hier ist es doch so friedlich! Die Zeitung hat doch nur wieder Quatsch geschrieben."

Olvenstedt leidet unter der Realität und unter seinem Ruf. Aber beides ist nicht dasselbe. Die Mehrheit lebt immer noch gern hier.

Eigentumswohnungen werden gekauft. Dennoch fehlt die städtische Identität. Dabei war Olvenstedt keineswegs eine der üblichen schnell hochgezogenen DDR-Vorstädte. Die jüngste Großsiedlung der DDR sollte auch ein stadtplanerischer Versuch sein. Um die Platten-Monotonie zu vermeiden, wurden Gestaltung des Wohnumfeldes, Infrastruktur, öffentlicher Raum mit durchmischten Angeboten und auch ein "Stadtbild" vorgestellt. Nach der Wende sind diese Gestaltungsversuche zu tristen Symbolen von sozialen Defiziten verkommen. Die Utopie, daß "der Professor und der Schlosser auf einem Flur wohnen", verschwand schnell. Das Viertel entmischte sich. Besserverdienende zogen weg. Die Altershomogenität der Bewohner ist das große Problem.

In Olvenstedt wohnt ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen von Magdeburg. Viele von ihnen kamen mit der Wende in die Pubertät, während ihre Eltern zugleich von der Arbeitslosigkeit überrascht wurden. Jetzt sind sie sechzehn, siebzehn Jahre alt wie Frank Böttcher und sein Mörder.

Olvenstedt liegt auf einem schmalen Grat zwischen Abgrund und Normalität. Deswegen reagiert man mit Wut, wenn "die Medien" es im Sumpf der Gewalt versinken lassen. "Die Medienvertreter haben wir zu 95 Prozent alle rausgeschmissen", sagt Rolf Hanselmann, ein wuchtiger Mann mit kegelförmigem Kopf und Nickelbrille. Er sitzt zusammen mit Steffen Hikisch, dem langen schlaksigen Geschäftsführer, in einem mit Akten und Plakaten vollgestopften Hinterzimmer der "Rampe". Im Aufenthaltsraum spielen ein paar Skins Billard und würfeln. Die Sozialpädagogen Hanselmann und Hikisch sind sauer: auf die "Fascho-Jagd" der Medien, die ihrer Klientel das einreden, was sie mit ihrer Arbeit abbauen wollen und auf die PDS-Landtagsabgeordnete Britta Ferchland, die auf der Krawalldemonstration am 22. Februar die "Rampe" als staatlich finanzierte Logistikbasis für die Rechtsradikalen denunzierte. Hanselmann wählt dennoch PDS. Beide schimpfen über die Autonomen, die "Randaletouristen", die in Olvenstedt den Antifa-Kampf inszenierten, um anschließend nach Gorleben abzureisen. Sie haben den "Burgfrieden" der Punks von Stadtfeld und der Skins von Olvenstedt gebrochen.

Schon 1992, als sonst niemand es wollte, haben Hanselmann und Hikisch mit der Skingruppe Kontakt aufgenommen und haben zusammen mit ihr eine ehemalige "Wohngebiets-Kaufhalle" zum Jugendclub "Rampe" ausgebaut. Nach vier Jahren sagen die beiden Sozialpädagogen: "Die Skins haben hier ihre soziale Nische gefunden." Sie sind mit ihnen ins multikulturelle London gefahren, auf der Suche nach der proletarischen Tradition der Skinheads. Jetzt sind die Skins älter, "verbürgerlicht mit Schrankwand und Gardinen" und treffen sich am Wochenende in einer Skinhead-Kneipe. Die rechtsradikalen Überzeugungen freilich kann Sozialarbeit nicht austreiben. Immerhin beobachten Hikisch und Hanselmann, daß die ältere Skinhead-Clique anfängt, die wilde Gewalt der "Baby-Skins", der Zwölf- bis Dreizehnjährigen, die nun um Anerkennung kämpfen, immer mehr zu kontrollieren. Da wird Nachdruck klargemacht: keine Angriffe auf Omas. Aber auch nur mit der Begründung, daß ein Skin eben deutsche Frauen nicht überfällt.