HAMBURG. - Drei Tage nach der umstrittenen Entscheidung haderte "Tagesschau"-Sprecher Wilhelm Wieben noch immer mit sich selbst.

"Ich hätte mindestens dafür plädieren sollen, diesen Punkt zu vertagen und im kleinen Kreis nochmals zu beraten", ärgerte er sich und wurde deutlich. Es gebe ja Leute, die dafür stimmten, daß "ganz Kalkutta nach Deutschland kommt". Aber das Hamburger Spendenparlament, "diese wunderbare Einrichtung", sei auf heiklen Feldern wie der Asylpolitik fehl am Platze. Und deshalb habe er nach der Abstimmung auch empört den Saal verlassen.

Die größte Bürgerinitiative der Hansestadt hatte ihren ersten Eklat - ausführlich geschildert und kommentiert vom Hamburger Abendblatt. Tenor: Nach gut einem Jahr des Bestehens habe das private Spendenparlament seine politische Unschuld verloren. Stein des Anstoßes ist eine Summe von 12 000 Mark, die das wohltätige Gremium nach kontroverser Debatte für einen Rechtshilfefonds bewilligt hat. Er soll jugendlichen unbegleiteten Flüchtlingen in Hamburg zugute kommen und ihnen ermöglichen, während ihres Asylverfahrens einen Rechtsbeistand zu bezahlen.

Bisher galt das Spendenparlament als Muster an Harmonie. Als Landespastor und Diakoniechef Stefan Reimers den sozialen Verein 1995 ins Leben rief, erhielt er Beifall von allen Seiten. Endlich eine Initiative, die gezielt und unbürokratisch zu helfen versprach! Die Idee leuchtet ein: Jeder, der bereit ist, mindestens 120 Mark im Jahr zu geben, bekommt Sitz und Stimme in dem Gremium mit dem schönen Namen.

Es entscheidet mehrheitlich, wo das Geld hinfließt, und unterstützt Hamburger Projekte, "die von Armut, Obdachlosigkeit und Isolation betroffenen Menschen helfen". Binnen eines Jahres zählte das "ganz besondere Parlament, wo die Abgeordneten ihre Diäten selbst mitbringen" (taz), mehr als 2700 Mitglieder aus allen Bevölkerungsschichten.

Bis heute hat es rund 660 000 Mark Spendengelder an insgesamt 55 Antragsteller vergeben.

Dabei geht es nicht nur um 2500 Mark für warme Mahlzeiten in einem Mütterzentrum oder - ein anderes Beispiel - um drei neue Kaffeeautomaten für die "Aktion Armenhilfe e.V.". Auch neue Projekte bringt das Parlament auf den Weg. Im August vergangenen Jahres bewilligte es zum Beispiel 80 000 Mark für den Bau von acht "Kirchenkaten" - kleinen Holzhäusern, in denen auf kirchlichem Gelände Obdachlose wohnen können.