Che, Schah, Shit. Vor dreißig Jahren fingen sie an, der Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken. Wie kaum eine andere Generation hinterließen sie Spuren, setzten Akzente. Doch berauscht vom eigenen Triumph, haben sie vergessen, auch ihr eigenes Denken zu modernisieren.

So präsentiert sich die einstige Avantgarde der 68er heute als ein Haufen ergrauter Weltverbesserer, die bis zur Lächerlichkeit selbstverliebt den Kult der ewigen Jugend pflegen.

Allen Ernstes halten sie sich mit fünfzig immer noch für die bessere Jugend und schicken die nachdrängende Generation in die Warteschleife.

"Wegbeißen" hat die Juso-Chefin Nahles das genannt. Dabei müßten doch gerade die 68er Verständnis haben für das Mitsprachebedürfnis der Jüngeren. Schließlich waren sie es, die vor nunmehr dreißig Jahren das Abschießen der alten Platzhirsche zum Breitensport erklärt haben. Doch weit gefehlt. Ihr revolutionäres Pathos ist nur noch Fassade, ihre Rhetorik zur Phrase geworden. Einzig im Erfinden neuer Unentbehrlichkeitsbeweise läßt sich der kreative Elan von einst noch erahnen. "Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche", hat jemand auf ein Frankfurter-Schule-Plakat gemalt. Der Niedergang der 68er-Generation ist damit gut beschrieben.

In den Szenelokalen ihrer Stadt trifft man sie noch, mit Bürstenhaarschnitt, Intellektuellenbrille und dem unvermeidlichen Sakko, das noch immer nicht zu Hemd und Hose passen will. Doch viel mehr als ihren revolutionären Habitus haben sie vor dem Lauf der Zeit nicht retten können. Der Rest ist verfallen, ist Geschichte, Legende. Auch das Haltbarkeitsdatum ihrer Reformprodukte ist abgelaufen. Universitäten, Schulen, Lehrpläne, Ausbildung, Sozialstaat, Mitbestimmung, Tarifrecht, Landesverfassungen, Polizeigesetze - es gibt nur wenige Bereiche, die von ihrem Reformeifer verschont blieben. Die 68er haben die Gesellschaft so gründlich verändert, daß diese nun dringend eines Gegenmittels bedarf: der Besinnung auf Gemeinsames, auf Traditionen, auf das Prinzip der Eigenverantwortung. Denn nicht die Einengung in familiäre Zwänge, sondern der drohende Zerfall der Familien ist heute das Problem. Nicht eine zu große Normenkonformität, sondern die Unfähigkeit, sich überhaupt noch auf gemeinsame Werte zu verständigen, behindert heute den Fortschritt. Nicht ein Mangel an Kritikfähigkeit, sondern das allzu gründliche Infragestellen aller Regeln lähmt die Gesellschaft. Und schon gar nicht ist es ein Mangel an Mitbestimmungs- und Beteiligungsmöglichkeiten, vielmehr ist es der politische Rückzug der Bürger, der heute Anlaß zu Reformen sein müßte. Doch stur halten die 68er an ihrem überholten Programm fest - mehr kritischer Unterricht für noch mehr Individualisierung, weniger Polizei für noch mehr Freiheit, sozialpädagogische Bemutterung aller Randgruppen sowie ein nahezu grenzenloses Verständnis für Regelverletzer aller Art. Das ist das Rezept der Apo-Opas.

Wie sehr sie der Zeit hinterher sind, zeigt auch ihr Verhältnis zur Emanzipation. Seien wir ehrlich: 68 war eine Mackerbewegung.

Schon Uschi Obermaier monierte den Umgang mit Frauen und beschwerte sich über den "sozialistischen Bums-Zwang" zur Apo-Zeit. Denn außer in der RAF hatten Frauen nichts zu sagen. Erst als die aufstrebenden Revolutionäre mit ihrem Marsch durch die Institutionen beschäftigt waren, konnte eine Frauenbewegung entstehen, die die Befreiungsideale von 68 für den weiblichen Teil der Gesellschaft übersetzte. Die Apo-Männer haben das nie offen boykottiert, doch ein aufrichtiges Anliegen ist ihnen die Förderung von Frauen bis heute nicht. Ein Blick in Unternehmen, öffentliche Verwaltungen und Parteivorstände belegt: Es sind nicht die 68er, sondern vor allem die aufgeklärten Konservativen, die Frauen nicht nach Schicki-Faktor, sondern nach Leistung beurteilen.