Selbstverwaltete Betriebe gibt es seit den siebziger Jahren. Gleicher Besitz und gleiche Rechte für alle, solidarisches Miteinander statt Hierarchie - das waren die Zeichen der Zeit. Häufig lebten die Mitglieder dieser Betriebe auch in Wohngemeinschaften zusammen oder verbrachten wenigstens die Freizeit miteinander der Anspruch auf Gesellschaftsveränderung war fast immer dabei.

Längst sind die Gründer der Alternativbetriebe grau geworden und mit ihnen deren Ideale. Es gibt, über zwanzig Jahre nach der ersten Gründungswelle, zwar noch viele von ihnen, von der reinen Lehre der Selbstverwaltung verabschieden sie sich jedoch immer mehr.

Nach einer Studie der Universität Frankfurt waren von den 220 Alternativbetrieben, die es in Hessen 1986 gegeben hatte, 1995 nur noch die Hälfte selbstverwaltet. "Selbstverwaltete Betriebe waren auch ein Kind der Zeit. Heute zählt nicht der ideelle Wert, sondern der wirtschaftliche Erfolg", sagt Frank Heider, einer der Autoren.

Die meisten selbstverwalteten Betriebe gibt es heute in der Alten- und Krankenpflege. Die Pflegeversicherung mit ihren garantierten Pflegesätzen hat diese Branche, in der vor allem Frauen arbeiten, begünstigt. Behauptet haben sich auch selbstverwaltete Druckereien, Verlage, Buch- und Naturkostläden. Verschwunden sind dagegen viele Alternativbetriebe in der Landwirtschaft, der Industrie und der Gastronomie.

Früher mußte das Outfit der Alternativbetriebler ebenfalls alternativ sein. Ein früherer Mitarbeiter der selbstverwalteten Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt namens Joschka Fischer machte Furore, als er in Turnschuhen seinen Amtseid als hessischer Umweltminister leistete. Bei Banken und Normalbetrieben genossen die "miesen Klitschen" (Capital) einen denkbar schlechten Ruf.

Heute sind die Außenseiter von einst längst gesellschaftsfähig geworden. Konzerne, Unternehmungsberater und Banken haben ihre Berührungsängste abgebaut. "Wenn das Konzept stimmig ist, gewähren wir auch einen Kredit", sagt Cornelia Köhler, Kundenberaterin der Bayerischen Vereinsbank in Frankfurt. "Wie viele Geschäftsführer da beteiligt sind, zählt nicht."

Legendär ist die wechselvolle Geschichte der 1978 gegründeten tageszeitung in Berlin. Diese ist bis heute selbstverwaltet geblieben, aber die Finanzlage sieht so trüb aus, daß es ohne Fremdkapital, das heißt ohne private Teilhaber von außen, wohl nicht mehr lange gehen wird. Bereits 1970 wurde die Glasfabrik Süssmuth im hessischen Immenhausen in ein selbstverwaltetes Unternehmen mit 255 Mitarbeitern transformiert. Doch schon nach zwei Jahren wurde wieder ein privater Teilhaber in die Firma genommen. Trotzdem rutschte das Unternehmen immer mehr in die roten Zahlen, und im vergangenen Jahr meldeten die Geschäftsführer Konkurs an. Heute dümpelt das Unternehmen mit den übriggebliebenen sieben Angestellten vor sich hin und wartet, was als nächstes geschieht.