Es ist noch kein Vierteljahr her, da rief Bundespräsident Herzog dem türkischen Staatspräsidenten Demirel zu: "Die Türkei gehört zu Europa!" Deutschland unterstütze sie nach Kräften auf ihrem weiteren Weg dahin. "Wir stehen fest auf dem Boden des Assoziationsabkommens von 1963, einschließlich seiner Beitrittsperspektive. Das ist fester Bestandteil der deutschen Politik. Europa ist kein christlicher Klub."

Klare Worte, an denen nichts zu deuteln ist. Aber vorige Woche, auf einer Konferenz der christdemokratischen Parteien Europas in Brüssel, klang es mit einem Male brutal anders. Assoziierungsabkommen hin, Beitrittszusage her - die Türkei gehöre weder heute noch in Zukunft zu Europa. Helmut Kohl, so heißt es, habe mit Bemerkungen über unübersteigbare kulturelle und religiöse Schranken die Vorlage geschossen. Der frühere belgische Premier Wilfried Martens verwandelte sie trittsicher: "Wir schaffen eine Europäische Union. Dies ist ein europäisches Projekt." Es klang wie: Europa ist doch ein christlicher Klub. Sechs EU-Regierungschefs nickten beifällig.

Wurde da tolpatschig mit dem Gesäß eingerissen, was Europas Diplomaten mühsam mit den Händen aufgebaut hatten? Oder brach sich nach 34 Jahren Heuchelei die Ehrlichkeit Bahn?

Auf die wütende Reaktion der türkischen Außenministerin Tansu Cçller braucht niemand viel zu geben. Die Großmeisterin des Opportunismus ging bei einem Lunch wie eine Furie auf die EU-Botschafter los: Da solle wohl eine "kulturelle Berliner Mauer" errichtet werden die Türkei sei stets dabeigewesen, wenn gekämpft wurde, im Korea-Krieg wie im Golfkonflikt, aber zu den Siegesfeiern werde sie dann nie eingeladen das türkische Volk verstehe dies nicht mehr.

Aber Europa versteht längst auch Tansu Cçller nicht mehr. Ende 1995 hatte sie das Europaparlament mit dramatischem Gestus beschworen, die Türkei in die europäische Zollunion aufzunehmen - dies werde die Regierungsbeteiligung der islamischen Fundamentalisten verhindern und die weltlich-demokratischen Kräfte stärken. Ein halbes Jahr später verhalf sie selber der fundamentalistischen Wohlfahrts-Partei Necmettin Erbakans zur Regierungsmehrheit - weil sie nur auf diese Weise eine parlamentarische Untersuchung wegen Korruption abwenden konnte.

Dennoch bleibt die Frage berechtigt, ob es richtig und nötig war, der Türkei jetzt mit christlich-demokratischem Schwung die europäische Tür vor der Nase zuzuschlagen. Die Antwort kann nur nein lauten, aus dreifachem Grunde.

Erstens hat Europa zwar in 2000 Jahren eine tiefe christliche Prägung erfahren. Seine staatliche Verfaßtheit ist jedoch mit Ausnahme des Vatikanstaats überall laizistisch. Insofern könnte eine laizistische Türkei in der Europäischen Union durchaus ihren Platz finden. Wollten sich indessen die Europäer in eine christlich-fundamentalistische Pose werfen, so dürften sie sich nicht wundern, wenn dies den türkischen Radikalreligiösen zusätzlich Wasser auf ihre Mühlen führte. Ein Fundamentalismus treibt den anderen. Wer den von Samuel Huntington an die Wand gemalten "Kampf der Kulturen" nicht mutwillig heraufbeschwören will, der muß sich selber Mäßigung auferlegen.